Kirika richtete sich auf. Ihr Rücken schmerzte noch immer von dem Aufprall, als der Finsterkaiser sie in diese kleine Zelle geschmissen hatte. Diese war gerade so lang, dass Kirika liegen konnte. Wenn sie sich klein machte. Sie war zwar normalerweise nicht klaustrophobisch, doch hier hatte sie das Gefühl, die kalten, grauen Wände würden sie irgendwann erdrücken. Das einzige Licht in der Zelle kam aus einem kleinen Fensterchen unter der viel zu hohen Decke. Kirika mochte die Dunkelheit. Als Kind hatte sie sich in den Straßen der Hofstadt immer in den dunklen Gassen herumgetrieben. Aber dieser Ort war ihr trotzdem unheimlich. War es, weil sie hier unfreiwillig festsaß und nicht wusste, wie sie entkommen sollte?
Die Abenteurerin lehnte sich gegen die Wand. Sie zuckte zusammen. Jeder einzelne dieser kalten Mauersteine fühlte sich an wie ein Dolch, der sich in ihren Rücken bohrte. „Verdammt!“, fluchte sie, „seit wann bin ich denn empfindlich?!“ Den Schmerz ignorierend lehnte sie sich wieder gegen die Wand. Dort war ein einzelner Mauerstein, der etwas weiter aus der Wand herausragte als die anderen. Der müsste ihr doch irgendwie dabei behilflich sein können, diese Fesseln loszuwerden. Immer wieder rieb sie diese über den Stein, in der Hoffnung, er würde das Seil irgendwann abwetzen und durchschneiden. Ihr Körper zitterte ob der brennenden Schmerzen in ihrem Rücken, sie ließen sie kaum atmen. Doch aufgeben … aufgeben kam für sie nicht in Frage. Auch wenn sie Angst hatte, der Finsterkaiser könnte sie bestrafen, wenn sie sich auflehnte, sie musste es einfach versuchen. Für das Spielfigurenland. Sie war ihrer Heimat und den Miis und Pokémon dort etwas schuldig. Sie hatte sie im Stich gelassen. Doch aufgeben war für sie noch nie eine Option gewesen. Sie müsste nur ihr Groudon finden und von hier verschwinden, dann könnte sie das Spielfigurenland retten. Vor dem Drachenlord und vor dem Finsterkaiser. Sie wusste, dass Groudon hier irgendwo sein musste, der Finsterkaiser hatte ihn mitgenommen. Nur wo war er? In so einer riesigen Festung konnte er praktisch überall sein.
Ein erleichtertes Seufzen entkam Kirika, als sie ihre Hände endlich wieder frei bewegen konnte. Dieser Mauerstein hatte ganze Arbeit geleistet. Kraftlos ließ sie sich auf die Knie fallen. Ihre Sicht war verschwommen, ihr ganzer Körper schmerzte, sie konnte sich kaum bei Bewusstsein halten. Aber sie musste weitermachen. Sie durfte jetzt nicht aufgeben. Sie musste entkommen und das Spielfigurenland retten — und wenn es das Letzte war, was sie tat!
Unter Schmerzen richtete sie sich wieder auf. Jedes einzelne Zahnrad ihres Körpers, jedes Kugellager, jedes Gelenk schien zu brennen wie Feuer. Sie fasste sich an die schmerzhafteste Stelle an ihrem Rücken. Anscheinend hatte sie dort einen Riss. Sie sah ihre Hand an.
„Mist. Nicht auch das noch.“ Sie wischte die rostigen Partikel an die Wand. Wenn sie doch nur etwas Lichttau dabei hätte …
Sie schleppte sich zur Tür. Eigentlich lag diese genau vor ihr, doch schien der Weg ihr ewig. Keuchend hielt sie sich am Türgriff fest. Sie lauschte einen Moment. Stille.
„Gut, dann wollen wir mal. In Filmen klappt das doch auch immer so toll.“ Sie fischte sich ihren Ballerina-Haarschmuck vom Kopf. „Haarnadeln seid ihr zwar nicht, aber ihr kriegt das sicher auch hin.“ Sie stocherte mit ihrem Haarschmuck im Türschloss herum. „Hier so … und da … Ach, komm schon!“ Genervt stöhnte sie auf. Doch sie durfte jetzt nicht aufgeben. Es musste doch irgendwie möglich sein, hier …
Mit einem „KLACK“ signalisierte das Schloss ihr, dass sie es geschafft hatte. Sie steckte ihren nun unförmig verbogenen Haarschmuck an seinen angestammten Platz auf ihrem Kopf zurück. Vorsichtig schob sie die Tür etwas nach vorne, um durch den Spalt sehen zu können. Anscheinend keine Wachen in der Nähe. Glück gehabt! Sie öffnete die Tür nun ganz und trat hinaus. An den Weg nach draußen konnte sie sich noch recht gut erinnern, immerhin war sie voll bei Bewusstsein gewesen, als der Finsterkaiser sie hierher geschleppt hatte. Aber der Weg zu Groudon, ihrem Partner … Wo konnte er nur stecken? Wo versteckte man am besten ein Spielzeugpokémon, sodass es nicht gefunden wurde? Sie schlich sich an der anthrazitgrauen Mauer entlang durch die Gänge, stets bedacht, nicht ein Geräusch zu machen. Hier war es noch finsterer als in ihrer kleinen Zelle. Nur einige Kerzen erhellten die Gänge, deren Wände wohl fünfmal so hoch waren wie Kirika selbst. Sie schob sich an der Wand entlang, als sie plötzlich ein Geräusch hörte und sich instinktiv gegen die Mauer presste. Schmerz durchzuckte ihren gesamten Körper. Hoffentlich hatte sie jetzt niemand gehört. Wenn sie sie gehört hätten, dann … Verdammt! Da waren Schritte! Und sie kamen näher! Sie presste sich noch enger an die Wand, ignorierte den Schmerz, der durch jedes ihrer Bauteile pulsierte, ignorierte die Erschöpfung, die Müdigkeit, die sie irgendwo am Rande der Bewusstlosigkeit schweben ließ. Ein lautes Geräusch ließ sie erneut zusammenzucken.
„Wer ist da?“, hörte sie eine Stimme rufen. Schnelle Schritte entfernten sich wieder von ihr. Erleichtert atmete sie auf. Was auch immer das war … es hatte sie gerade eben gerettet.
Kirika schlich sich weiter an der kalten Mauer entlang. Sie wusste nicht, wohin sie ging, doch sie hoffte, dort ihr Groudon finden zu können. Er musste hier doch irgendwo sein … Kirika bog in einen Gang ab, durch den sie nicht gekommen war, als sie in ihr Verlies gebracht wurde. Vielleicht wurde er ja hier festgehalten. Dieser Gang war noch düsterer als die anderen, die meisten Kerzen waren hier aus, nur am Ende des Gangs konnte sie ein helles Licht sehen.
„Bitte, Groudon, sei du es“, dachte sie, als sie versuchte, in dem Licht etwas zu erkennen. Von den Farben her passte es ja, das Licht war rot und orange. Nur Formen konnte sie beim besten Willen nicht erkennen, es war zu hell. Sie sah wieder auf den Weg vor ihr, doch sie konnte kaum noch etwas erkennen. Sie hatte zu lange nach vorne gestarrt, ihre Augen kamen mit der Dunkelheit nicht mehr klar. Sie stieß mit dem Fuß gegen irgendetwas und fiel. Schwer atmend richtete sie sich wieder auf, spürte wieder jedes Bauteil ihres Körpers, wie es pochte und pulsierte.
„Verdammt!“, dachte sie, „wenn das jetzt keiner gehört hat, ist es ein Wunder!“
Sie hatte kaum noch die Kraft, weiterzugehen, doch sie zwang sich dazu. Sie kniff die Augen zusammen und ging weiter, Schritt für Schritt für Schritt für … Was war das? War da nicht das Geräusch von Schritten? Sie zuckte zusammen. Das durfte doch nicht sein. Hatten sie sie gehört? Sie traute sich nicht, sich zu bewegen, noch nicht einmal, die Augen zu öffnen. Sie stand nur da, wie versteinert, und wartete auf ihr Schicksal, als die Schritte immer näher kamen und näher und näher …
„Na, wen haben wir denn da?“ Eine ihr wohlbekannte Stimme ließ sie zusammenfahren und aufblicken. Da stand er vor ihr, wie schon zuvor auf dem Schlachtfeld. Der Finsterkaiser … er hatte sie gefunden. Panik brach in ihr aus, doch sie war wie paralysiert, sie konnte nicht fliehen. Der Finsterkaiser kam ein paar Schritte auf sie zu.
„Was machst du denn hier so allein? Hast du nicht Angst, dich zu verlaufen?“ Sie sah ihm entschlossen ins Gesicht, in seine eiskalten mamutelbraunen Augen, die sie fasziniert zu fixieren schienen.
„Ich habe keine Angst. Vor nichts und niemandem“, keuchte sie. Der Finsterkaiser lachte kurz.
„Ich muss sagen, ich bin überrascht, dass du es aus deiner Zelle geschafft hast.“ Er sah auf den deformierten Kopfschmuck, den Kirika trug. „Aha, daher weht also der Wind. Ganz schön clever, muss man schon sagen.“ Er machte eine kurze Pause. „Und was hattest du hier vor, wenn ich fragen darf? So ganz allein, ohne Pokémon, ohne irgendjemanden, der dir helfen könnte?“
Ihr Blick war immer noch so entschlossen wie zuvor. Sie atmete schwer, doch Antworten wollte sie diesem Mann nicht schuldig bleiben. „Ich wollte Groudon suchen“, keuchte sie, „ihn befreien und mit ihm fliehen.“ Sie musste husten. Wo war nur all ihre Kraft hin? Sie fühlte sich schrecklich ausgeliefert. Aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Und dann wollte ich den Drachenlord besiegen, die Hofstadt befreien und dir –“ Sie zeigte dem Finsterkaiser, der nur einen Schritt von ihr entfernt stand, mit dem Finger ins Gesicht. „Dir wollte ich in den Arsch treten, so, wie du es verdient hast!“
Der Finsterkaiser kam Kirika noch näher, sie war verunsichert, doch sie versuchte, ihren entschlossenen Blick so zu behalten, wie er war. Er legte ihr eine Hand an die Wange.
„Und das in dieser Verfassung?“, fragte er. „Heh. Du bist noch hartnäckiger, als ich dachte. Aber du weißt anscheinend nicht, wo deine Grenzen sind.“
Mit einer plötzlichen Bewegung packte er sie am Rücken, sodass sie vor Schmerzen aufschrie. Tränen begannen, über ihr Gesicht zu fließen.
„So viel dazu“, sagte der Finsterkaiser und zog sie zu sich. Er presste ihren Körper gegen den seinen, er wusste genau, welche Qualen sie gerade durchmachte. Kirika gaben die Beine nach, ihre Sicht verschwamm und sie winselte, ihr ganzer Körper bestand nur noch aus Schmerz. Schmerz, Erschöpfung und noch mehr Schmerz.
„Du …“, brachte sie wispernd hervor, „du … hast … noch lange … nicht … gewonnen.“
Als sie in seinen Armen zusammensackte, wurde ihr schwarz vor Augen.

signshsq9n

„Oh nein, es ist schrecklich!“ Ziellos irrte König Nero durch die Gänge seines Palastes. „Es ist einfach schrecklich! Unsere beste, Unsere fähigste Hof-Abenteurerin! Was sollen Wir nur tun?“
„Vater?“, wurde er von seiner Tochter in seinen wirren Gedanken unterbrochen. „Vater, was ist los?“
Doch dieser sah seine Tochter nur mit einem wahnsinnigen Blick an. „Ach Töchterlein, das verstehst du sowieso nicht“, versuchte er, sie abzuwimmeln, nur um sofort wieder ziellos durch seinen Palast zu wuseln.
„Vater, ich bin kein Kind mehr“, sagte die Prinzessin und sah ihren Vater ernst an. „Ich weiß, dass irgendetwas passiert ist. Und wenn Ihr es mir nicht sagt, gehe ich eben hinaus in die Hofstadt und frage die Leute. Irgendwer wird es schon wissen.“
Der König seufzte. Seit sie Kontakt mit seiner Hof-Abenteurerin hatte, war sein geliebtes Töchterlein manchmal so schrecklich aufmüpfig. Vielleicht war Kirika ja doch nicht der beste Umgang für sie.
„Na gut, Wir erklären es dir“, gab er dann nach. „Als Kirika und Wir heute in der Frühe vor die Tore traten, um zu sehen, was der Ursprung dieses Tumults war, mussten Wir mit Schrecken feststellen, dass Unser Filius in die schmutzigen Fänge des Finsterkaisers geraten war und als Drachenlord die Stadt bedrohte. Kirika begab sich natürlich in die Schlacht, aber soeben erreichte Uns die unheilvolle Botschaft, dass der Finsterkaiser sie als Geisel genommen hat! Unsere fähigste Hof-Abenteurerin!“ Er musste Luft holen. Vielleicht sollte er sich einmal abgewöhnen, so schnell zu reden, ohne sich dabei die nötige Zeit zum Atmen zu lassen.
„Oh nein, nicht Kirika …“, sagte die Prinzessin erschrocken. „Aber Vater, habt Ihr denn keine anderen Abenteurer, die uns retten könnten?“
Der König sah seine Tochter an. Konnte sie wirklich so naiv sein? Sie wusste doch ob der Heldentaten ihrer Freundin. Doch er sah in ihrem Blick, dass sie dies aus Verzweiflung fragte. Ihr lag wirklich viel an Kirika.
„Töchterlein, du weißt es doch selbst … Kirika ist die Einzige, der es je gelang, den Abenteurerrang achtzig zu erreichen. Rang achtzig! Keiner hat so starke, so mächtige und so anmutige Pokémon wie sie!“ König Nero sah zu Boden. „Wir sind verloren.“
„Nein. Sind wir noch nicht“, sagte seine Tochter resolut. „Wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Dieser Finsterkaiser soll sehen, was er davon hat, meine Heimat anzugreifen!“ Sie trat zu den Toren des Palastes.
„Aber Töchterlein, was hast du vor?“, fragte der König erstaunt. „Bleib hier!“ Die Prinzessin drehte sich noch ein Mal um.
„Nein. Ich kann nicht bleiben. Ich habe einen Bruder zur Vernunft zu bringen.“
Die Prinzessin eilte in den Garten hinter dem Schloss. Dort traf sie sich immer mit Rotom und den anderen Pokémon, die hier lebten.
„Rotom? Seid ihr da?“, rief sie in die Leere, die vor ihr lag. Wo steckten alle? Sie begab sich tiefer in den Garten. Irgendwo raschelte ein Busch, doch sie konnte nirgendwo etwas sehen. Etwas unruhig ging sie weiter.
„GNAAAAH!“, wurde sie plötzlich von einem Geräusch von hinten überfallen. Sie rappelte sich wieder auf. Vor ihr stand der orangefarbene Rasenmäher, auf seinem Gesicht ein breites Grinsen.
„Ach Rotom, erschreck mich doch nicht so!“, tadelte die Prinzessin das Pokémon. „Hast du Matrifol und Sarzenia gesehen? Ich brauche eure Hilfe.“
Rotom nickte und führte die Prinzessin weiter in den Garten. Dort saßen die beiden Pflanzen-Pokémon zusammen mit einigen anderen Pokémon, denen Matrifol erklärte, wie man am einfachsten aus Blättern Kleidung herstellen konnte. Rotom schwebte zu ihnen und gab einige für die Prinzessin unverständliche Laute von sich, woraufhin die beiden sofort aufsprangen und zusammen mit Rotom zu ihr eilten.
„Ihr seid toll, Leute“, sagte die Prinzessin und streichelte Rotom über seinen Kopf. „Jetzt geht es in die Schlacht!“
Keksi war nervös, als sie vor dem Stadttor stand. Sie hatte zwar Vertrauen in ihre Pokémon, aber sie hatte doch selbst noch nie ernsthaft gekämpft.
„Ach, wird schon schief gehen“, murmelte sie. „Drachenlord, hier komme ich!“ Der kleine Schritt durch das Tor fühlte sich an wie ein gigantischer Schritt in die böse, weite Welt hinaus.
„Gut, für den Anfang wähle ich … dich, Sarzenia! Du führst uns an!“
Das gelbe Spielzeugpokémon nickte und hüpfte voraus. Dort sahen sie schon eine Horde Forstellka, allesamt recht erschöpft dreinblickend, sowie ein überdimensionales Mega-Ampharos.
„Los, gebt alles, was ihr habt!“, rief Keksi ihren Pokémon zu. „Ich kenne die Namen eurer Attacken zwar nicht, aber ihr werdet das schon regeln! Sarzenia, du nimmst dir das Ampharos vor. Setz deine Gift-Attacken ein!“
Die Pokémon folgten den Anweisungen der Prinzessin. Erstaunlicherweise hatten sie kaum Probleme, die Forstellka auszuschalten und auch Ampharos war leicht besiegt, nachdem es erst einmal vergiftet war. Aber Keksi war nicht dumm, sie wusste, dass die Pokémon vom Kampf gegen Kirika vermutlich schon geschwächt waren. Und sie wusste auch, dass der Kampf gerade erst begonnen hatte.
Zusammen mit ihren Begleitern schritt sie auf die nächste Ebene. Die Viscora und Viscargot waren für ihre Pokémon kaum ein Problem, ihre scharfen Blätter verletzten die Drachenpokémon so stark, dass diese recht schnell kampfunfähig wurden. Auch ein Viscogon, das etwas weiter hinten lauerte, wurde von Sarzenia schnell besiegt, während sich die anderen beiden Pokémon an den Burgen zu schaffen machten, die aufgestellt worden waren, damit Viscogon Verstärkung rufen konnte.
Die Pokémon waren allesamt noch bei recht guter Gesundheit, einzig Sarzenia war schon sehr stark geschwächt, es hatte höchstens noch ein Drittel seiner Kraft übrig. Als die Pokémon weiterzogen, ahnte Keksi schon Böses: Algitt und Tandrak. Gift-Typen, eine Schwäche ihrer Pflanzen-Pokémon. Doch sie versuchte, zuversichtlich zu bleiben und schickte ihre Pokémon weiter voran.
Tatsächlich waren die Gift-Drachen ihren Pokémon anscheinend im Level unterlegen, denn diese schlugen sich gut. Doch ein heftiger Gift-Angriff des letzten verbleibenden Tandrak ließ ihr Sarzenia kraftlos zu Boden gehen. Mist! Es war kampfunfähig geworden! Keksi nahm das kampfunfähige Pokémon zu sich. Sie konnte den Rettungsdienst des Königs natürlich nicht beanspruchen, immerhin war sie keine offizielle Abenteurerin. So musste sie die gelbe Blume eben tragen.
Als Keksi mit ihren übriggebliebenen Pokémon das Ende des Weges erreichte, tauchte der Drachenlord auf, bei ihm ein übergroßes Garados.
„Garados, Mega-Entwicklung!“, befahl er und verschwand sogleich wieder.
„Bruder, warum?“, fragte Keksi traurig. Sie kannte ihren Bruder so nicht. Und vermutlich erkannte er sie auch nicht wieder. Sie schüttelte den Kopf. Der Kampf hatte bereits angefangen und sie musste sich jetzt konzentrieren. Sie befahl Matrifol, das Garados mit Käfer-Attacken anzugreifen und Rotom, dieser die Tandrak, die sich um Garados scharten, vom Halse zu halten. Der Kampf war hart. Die Angriffe der Tandrak hatten eine unglaubliche Reichweite, die von Rotom allerdings kaum. Dazu kam, dass es keine effektiven Angriffe auf Lager hatte, während ein einziger Treffer eines Feindes wohl sein Ende bedeutet hätte.
Wenigstens Matrifol hatte Glück, dass ihr Gegner eine Schwäche gegen ihre Angriffe hatte, wodurch sie ihn nach fünfzehn sehr präzise gezielten Angriffen schon so sehr geschwächt hatte, dass der sechzehnte Angriff ihn besiegte. Keksi atmete erleichtert auf. Beide ihrer verbleibenden Pokémon hatten schon die Hälfte ihrer Kräfte aufgebraucht, doch wenigstens hatten sie die Tandrak hinter sich gelassen. Schlimmer konnte es ja kaum noch werden.
Auf der nächsten Ebene angekommen erblickte Keksi zuerst einmal einige Burgen, aus denen Unzahlen an Drachenpokémon sprangen. Sharfax, Maxax, Shardrago … Und sie sahen gefährlich aus.
„Rotom, du machst dich an die Burgen! Matrifol übernimmt die Gegner!“, befahl Keksi ihren Pokémon.
Die Burgen waren tatsächlich überraschend schnell zerstört und die Käfer-Angriffe von Matrifol machten immerhin neutralen Schaden gegen die Gegner. Deren Angriffe waren allerdings ebenfalls sehr mächtig und die schiere Anzahl an Feinden machte es für Matrifol schwer, ihnen auszuweichen. Als Rotom alle Burgen beseitigt hatte, schlich es sich von hinten an die kämpfenden Drachen an und schlug ihnen seine stärksten Attacken um die Ohren. Vom unerwarteten Angriff abgelenkt wurden sie unachtsam. Matrifol griff einmal mehr mit ihrer stärksten Käferattacke an und schlug die Gegner kampfunfähig.
Keksi wollte schon aufatmen, als sie sah, dass erneut Burgen erschienen. Zwei Knakrack sowie einige Knarksel griffen an. Matrifol hatte schon gut drei Viertel ihrer Kräfte aufgebraucht und auch Rotom hatte nicht mehr als ein Drittel übrig. Das würde schwer werden. Rotom machte sich wieder daran, die Burgen zu zerstören, während Matrifol erst die ziemlich leicht zu besiegenden Knarksel ausknockte und dann zu den Knakrack stürmte. Das Erste der beiden war sogar recht schnell besiegt, doch das andere nutzte seine Chance, um Matrifol von hinten anzugreifen, sodass sie zu Boden fiel. Mit den letzten ihrer Kräfte richtete sie sich wieder auf und schlug auf das Knakrack ein, doch mit einer weiteren Attacke war auch sie besiegt.
Keksi sammelte das Pokémon auf. Nun lag es an Rotom. Und das hatte auch noch einen Typnachteil. Dennoch gaben weder Keksi noch ihr Pokémon auf. Sie hatten es so weit geschafft … Rotom fegte das Knakrack mit einem Wirbel aus Blättern von seinen Beinen. Den Moment, in dem dieses sich nicht bewegen konnte, nutzte es erneut aus, um den Gegner zu besiegen. Keksi war erleichtert. Doch in genau diesem Augenblick erschien der Drachenlord wieder auf dem Plan, diesmal mit einem riesenhaften Knakrack. Nicht noch eines von denen …
„Knakrack, Mega–“
„Du entwickelst hier gar nichts“, unterbrach Keksi ihren Bruder. „Rotom!“
Das Rasenmäher-Pokémon, das inzwischen fast seine gesamte Kraft aufgebraucht hatte, stürmte auf den Drachenlord zu und knallte diesem mit voller Wucht ins Gesicht. Er blieb einen Moment lang regungslos liegen. Keksi schritt mutig auf ihn zu. Er öffnete die Augen.
„Wie … wo …“, stammelte er, „ey, wo bin ich? Was mache ich hier? Yo, Keksi! Warum tut mir der Kopf so krass weh?“
Keksi musste sich ein Lachen verkneifen. Rotom hatte ihrem Bruder aus Versehen einen neuen Haarschnitt verpasst. Er hatte nun einen kahlen Streifen quer über seinen Kopf.
„Komm erstmal mit nach Hause“, sagte die Prinzessin zu ihrem Bruder, der anscheinend wieder zu Bewusstsein gekommen war. „Ich erklär dir daheim alles.“

signshsq9n

Kirika schlug die Augen auf. Über ihr eine Decke aus grauen Mauersteinen. Sie lag recht bequem auf einer Art Bett. Wo war sie? Und was war überhaupt passiert? Sie konnte sich nur verschwommen erinnern. Da war ein Kampf gegen den Prinzen … und dann der Finsterkaiser. Verdammt, der Finsterkaiser! Kirika schreckte hoch. Er hatte sie entführt, oder? Und sie hatte versucht zu entkommen, doch dann …
„Na, gut geschlafen?“
Kirika sah in die Richtung, aus der die Stimme kam. Der Finsterkaiser … Kirika fiel alles wieder ein, die Entführung, die kleine Zelle, die Schmerzen, … wie sie ihm in diesen düsteren Gängen in die offenen Arme gelaufen war.
„Wie geht es dem Rücken?“, fragte der Finsterkaiser, der in einiger Entfernung von ihr vor einem Bücherregal stand. Kirika drehte sich ein wenig, um festzustellen, dass ihr Rücken gar nicht mehr so sehr schmerzte. Was war vorgefallen, als sie bewusstlos war? „Du solltest mir wohl dankbar sein, Hof-Abenteurerin„, fuhr der Finsterkaiser fort, „in deinem Zustand hättest du auf dem Schlachtfeld da draußen niemals überlebt. Und Lichttau für deinen Rücken hättest du auch nicht gefunden.“
Kirika verstand nichts. Was hatte er mit ihr gemacht? Wie lange war sie überhaupt bewusstlos gewesen? Und warum hatte er sie verarztet? Das ergab keinen Sinn.
„Ich habe dir übrigens neue Kleidung besorgt. Diese schmutzigen Fetzen, die du anhattest, konnte man ja kaum noch als solche bezeichnen.“ Kirika sah an sich hinunter.
„Was zum Henker?!“, entfuhr es ihr. Sogleich schoss ihr die Schamesröte ins Gesicht. „W-warum habe ich nur noch Unterwäsche an? Was in Resharps Namen hast du mit mir angestellt? Du perverses Flambirex!“
Der Finsterkaiser musste lachen. „Keine Sorge, das, was du jetzt noch anhast, blieb unberührt“, sagte er grinsend, „da konnte ich widerstehen. Gerade so.“
„Was zum –„, Kirika wurde hysterisch.
„Hey, hey, ganz ruhig“, sagte der Finsterkaiser lachend. „Wenn du dich dann besser fühlst — da neben deinem Bett liegen deine neuen Kleider.“
Kirika griff sofort danach und schlüpfte hinein. Der kramurxschwarze Hexermantel und die wieseniorbraunen Bergsteigerstiefel passten wie angegossen und auch der fiffyengraue Ballerina-Haarschmuck saß perfekt, ohne irgendwo zu kratzen. Selbst ein brandneuer Fußball und eine neue Ukulele lagen neben ihrem Bett. Einen Moment lang war sie fast schon beeindruckt, bis ihr einfiel, dass dies alles vom Finsterkaiser stammte. Und der tat nichts ohne irgendeine Absicht dahinter. Doch warum? Welchen Grund hatte er dafür, Kirikas Rücken zu heilen und ihr neue Kleider zu besorgen?
„Du bist jetzt meine ganz persönliche Gefangene“, sagte der Finsterkaiser und kam ein paar Schritte auf Kirika zu. „Meine Wachen taugen anscheinend eh nichts, also dachte ich, ich passe am besten selbst auf dich auf.“ Er ging vor ihr auf und ab, als würde es ihm helfen, diese Sätze zu bilden. „Dir steht es hier oben frei, zu tun und zu lassen, was du für richtig hältst. Du darfst dir auch gerne meine Bücher ansehen. Ich werde immer wieder vorbeischauen, was du so treibst.“ Er blieb einen Moment stehen. „Bei Sonnenaufgang, zu Mittag und bei Sonnenuntergang ist Essenszeit. Die hast du einzuhalten.“
Kirika sagte nichts. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das alles zu beurteilen hatte. Sie hatte keine Ahnung, was der Finsterkaiser damit bezwecken wollte. Sollte sie einfach tun, was er von ihr wollte? Aber das mit der „Essenszeit“ machte ihr Sorgen. Sie erinnerte sich noch gut an die Geschichte mit dem Hackbraten damals. Der wäre bestimmt so lecker gewesen … Doch was, wenn der Finsterkaiser nun sie zu seiner Marionette machen wollte? Sie würde vorsichtig sein müssen.
Der Finsterkaiser trat zur Tür. „Wir sehen uns zu Sonnenuntergang“, sagte er und verließ den Raum. Kirika hörte, wie er die Tür abschloss. Was sollte sie nun tun? Sie könnte versuchen, zu fliehen. Allerdings hielt sie sich selbst noch für zu schwach dazu. Sie beschloss, erst einmal hier zu bleiben.
Sie sah sich in dem Raum um. Er war recht hell, hatte drei riesige Fenster auf einer Seite, von denen aus man das Spielfigurenland sehen konnte. Etwa in der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch, auf dem ein kupferfarbener Kelch stand, an dem irgendein Schild angebracht war. Kirika stand auf und sah sich diesen genauer an. Auf dem Schild stand irgendein Wort und daneben war ein Tropfen abgebildet.
„Hoffentlich ist das das, was ich denke“, murmelte Kirika und roch an der Flüssigkeit. Sie hatte einen Riesendurst. Vorsichtig nippte sie daran. Es schien tatsächlich Lichttau zu sein. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, trank sie einen großen Schluck. Das tat gut. Erleichtert atmete sie auf und sah sich weiter um.
In einer Ecke stand das Bett, auf dem sie aufgewacht war. Das beigefarbene Laken lag unordentlich darauf herum und war verschwitzt, gar durchnässt. Wie lange war sie nur bewusstlos gewesen? Sie entfernte sich wieder von dem Tisch. An der Wand, die den Fenstern gegenüber lag, standen hohe Bücherregale, die bis unter die Decke, die dreimal so hoch reichte wie Kirika selbst, mit Büchern vollgestopft waren. Sie könne sich gern seine Bücher ansehen, hatte er gesagt. Kirika zog eines von ihnen heraus. Der Einband war dunkelbraun und es waren goldene Schriftzeichen darauf zu sehen. Sie blätterte in dem Buch herum. Auf jeder Seite nur Blocktext. Sie stellte das Buch wieder weg und zog ein anderes, eines mit einem blauen Einband, heraus, doch auch in diesem waren nur unendlich viele Buchstaben im Blocktext angeordnet zu sehen. Genervt stellte sie auch dieses weg und schnappte sich eines, das einen schwarzen Ledereinband hatte. An den Ecken des Einbandes waren goldene Teile angebracht und es sah ziemlich wertvoll aus. Sie öffnete das Buch. Die Seiten waren abgegriffen, so, als wäre es schon viele hundert Male gelesen worden. Auch dieses Buch enthielt nur Text, aber er war anders angeordnet als in den anderen beiden Büchern. Auf jeder Seite waren nur wenige kurze Zeilen, außerdem waren diese zentriert und bei manchen etwas längeren Texten waren sie sogar noch durch Absätze unterteilt. Das erschien Kirika bei der Länge dieser Texte ziemlich überflüssig, aber gleichzeitig faszinierte es sie auch ein Stück weit.
Kopfschüttelnd stellte Kirika das Buch wieder zurück ins Regal. Wenn die Bücher hier alle von ihr zu erwarten schienen, dass sie lesen konnte, dann brauchte sie diese auch nicht.

 

signshsq9n

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