Sehnsüchtig blickte Kirika aus dem Fenster. Die Sonne näherte sich dem Horizont und tauchte den Himmel in hundert verschiedene Farben. Orange, rot, violett und unzählige Abstufungen davon leuchteten am Firmament. Rosafarbene Wolken tanzten in den Lüften über dem Spielfigurenland.
Wie es den Leuten dort wohl ging? Was machte wohl Nero, was Keksi? Mussten sie in Angst leben, weil der Drachenlord das Land eingenommen hatte? Oder war es irgendjemandem gelungen, ihn zu besiegen? Aber wer hätte das schaffen können? Kirika hatte die stärksten Pokémon des Landes und war eine der taktisch begabtesten Abenteurer, das wusste sie. Wer hätte den Feind also besiegen sollen?
Vermutlich war das Spielfigurenland schon längst verloren und mit ihm Nero, Keksi und auch Blackfox. Ob er wohl jemals wieder so werden würde wie früher? Sie war mit seiner Art nie wirklich zurecht gekommen, aber nun tat er ihr leid. Er war nur noch eine Marionette, eine Spielfigur, er erkannte noch nicht einmal seine eigene Familie wieder. Kirika wusste zwar nicht, wie es war, eine Familie zu haben, aber sie wusste, dass diese Miis einem sehr wichtig waren. Vermutlich wäre es für sie so, als würde sie ihre Caesurios nicht mehr auseinanderhalten können oder gar überhaupt nicht mehr als ihre Caesurios erkennen. Oder als würde sie Keksi nicht mehr kennen, das wichtigste Mii in ihrem Leben …
Ein lautes Geräusch riss Kirika aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um. Ein lautes Scheppern und unregelmäßiges Klopfen verriet ihr, dass sich gerade jemand an der Tür zu ihrem Gefängnis zu schaffen machte.
„Endlich, dieses verdammte Türschloss macht mich noch wahnsinnig!“, fluchte der Finsterkaiser, als er in den Raum trat. Kirika wurde nervös und presste sich gegen die Wand. Sie beobachtete das Mii, das, anscheinend, ohne auf sie zu achten, in Richtung Tisch ging. Er hatte nicht sein übliches Gewand an, sondern einen roten Parka.
Irgendwie fast schon niedlich, dachte Kirika einen Moment lang. Aber er war immer noch der Finsterkaiser. Auch, wenn seine Kleidung harmlos und unschuldig erschien, war immer noch höchste Vorsicht geboten. Immerhin war sie seine Gefangene und ohne Grund tat er nichts. Vor dem Tisch blieb der Finsterkaiser kurz stehen und schielte in den Kelch, nur, um dann zufrieden zu grinsen.
Er stellte einige Dinge auf den Tisch. Melonen, Pfirsiche, Flegmonruten und … Kekse? Waren das ernsthaft Kekse? Runde, braune Schokokekse … Kirika lief das Wasser im Mund zusammen. Sie stand zwar in einigen Metern Entfernung, aber die Kekse dufteten bis zu ihr. So köstlich … Doch sie wusste, was der Hackbraten des Finsterkaisers anrichten konnte. Was, wenn die Kekse eine ähnliche Wirkung hatten? Sie durfte nicht zu seiner willenlosen Marionette werden.
Kirikas Magen knurrte. Wie lange hatte sie schon nichts mehr gegessen? Und nun hatte sie die Gelegenheit, sich diese wohlriechenden Kekse zu nehmen. Doch sie stand wie festgewurzelt an der Wand. Sie würde den Keksen widerstehen. Um jeden Preis würde sie den Keksen widerstehen.
„Na, was ist? Willst du dich nicht setzen?“, fragte der Finsterkaiser, als er fertig war. Er setzte sich selbst an den Tisch und schlug die Beine übereinander. Kirika blieb stehen und musterte ihn misstrauisch. Was hatte er nur vor? Warum sollte sie ihm vertrauen? Er war ihr Feind und irgendetwas plante er bestimmt. Aber diese Kekse sahen so lecker aus …
„Sieh mich nicht so an“, sagte der Finsterkaiser. „Sieh dich nicht als meine Gefangene. Sieh dich als mein Gast.“ Er grinste, als Kirika mit zögerlichen Schritten zum Tisch ging und sich ihm gegenüber setzte. Misstrauisch beäugte sie die Speisen, die vor ihr standen. Die Pfirsiche, Melonen, Flegmonruten … auch sie sahen so köstlich aus. Ihr Magen knurrte erneut. Wie gerne … Doch sie durfte nicht. Sie durfte nicht darauf hereinfallen. Auf diesen Speisen lag bestimmt genau so ein Zauber, genau so ein Fluch wie auf dem Hackbraten damals.
„Komm schon, greif zu“, sagte der Finsterkaiser nun energischer.
Kirika nahm einen der Kekse in die Hand und sah ihn von allen Seiten an. Er sah aus wie ein ganz normaler, unauffälliger Keks. Sie roch daran. Er roch auch wie ein ganz normaler, unauffälliger Keks. Nur vielleicht etwas leckerer.
„Aber sei dir bewusst: Wer von meinen Speisen isst, der kommt so schnell nicht wieder von mir los.“ Der Finsterkaiser lachte. Kirika legte den Keks schnell wieder weg. War ihre Vermutung etwa … „Ach, wie niedlich“, sagte der Finsterkaiser. „Die ach so tapfere Hof-Abenteurerin Kirika hat Angst vor einem Keks.“ Trotzig hob Kirika den Keks wieder auf und biss hinein. Das konnte sie so nicht auf sich sitzen lassen!
„Oh mein Resharp, wie lecker!“, entfuhr es ihr. Der Finsterkaiser grinste zufrieden. Sie erstarrte. Hatte sie das gerade eben wirklich getan? Wie dumm war sie eigentlich? Sie war geradeaus in die Falle des Finsterkaisers gerannt. Schon wieder! Panisch versuchte sie, irgendeine Veränderung an sich auszumachen. Sie zwickte sich selbst. Sie konnte noch Schmerz spüren. Sie versuchte, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern. Sie wusste noch, dass sie in den Straßen der Hofstadt mit ihren Caesurios aufgewachsen war, lange für König Nero gearbeitet hatte, von Finsterkaiser Corvin entführt worden war und nun schnellstmöglich einen Weg finden musste, ihre Heimat zu retten. Ihre Sicht war klar und sie konnte die Kramurx, die vor der Burg auf und ab flogen, klar und deutlich hören. Sie fühlte sich auch nicht krank oder anderweitig negativ beeinflusst. Anscheinend war tatsächlich alles in Ordnung mit ihr und der Keks hatte keine negative Wirkung auf sie.
„Meintst du etwa, von einem Keks wirst du satt?“, fragte der Finsterkaiser grinsend. „Los, greif nochmal zu, wenn er so gut war!“
Kirika nahm sich noch einen Keks. Was, wenn er seine Wirkung erst später entfaltete? Aber war sie dann nicht sowieso schon verloren? Sprach überhaupt noch irgendetwas dagegen, noch einen Keks zu essen? Eher nicht. Und abgesehen davon hatte sie immer noch Hunger. Sie roch an dem Keks. Er duftete so köstlich wie der letzte, den sie gegessen hatte. Und wie er erst schmeckte … Süßes Schokoladenaroma verbunden mit diesen Splittern von Zartbitterschokolade … Dieser Keks musste wohl das Köstlichste sein, was Kirika je gegessen hatte. Und so gönnte sie sich noch einen Keks und dann noch einen und noch einen und als sie alle Kekse aufgegessen hatte, probierte sie auch die süß-säuerlichen Flegmonruten.
Der Finsterkaiser beobachtete sie mit dem zufriedensten Grinsen auf seinen Lippen, von dem Kirika je Zeuge geworden war. Als sie mit essen fertig war, räumte der Finsterkaiser den Tisch wieder ab, ging zur Tür und stellte die übriggebliebenen Speisen hinaus.
„Bis Sonnenaufgang“, sagte er, als er die Tür von außen abschloss.
Kirika stand auf und ging zum Fenster. Ein Kramurx landete vor ihr, offenbar ein weibliches Modell.
„Hey, du Vögelchen“, sagte sie zu dem Unlichtvogel, „meinst du, ich hab mich durch die Kekse irgendwie verändert?“
„Kraa, kraa“, machte das Kramurx und flog wieder weg. Kirika fühlte sich seltsam. Einerseits war es ein gutes Gefühl, endlich keinen Hunger mehr zu haben, andererseits wurde die Angst, die Kekse könnten doch noch eine späte Wirkung zeigen, immer größer und größer, je mehr sie darüber nachdachte. Die Worte des Finsterkaisers hallten in ihrem Kopf nach. Wer von seinen Speisen esse, der komme so schnell nicht wieder von ihm los. Was, wenn an der Warnung etwas Wahres war?
Aber … nein, da war nichts Wahres dran. Das war nur eine hohle Warnung, um ihr Angst zu machen. Da durfte einfach nichts Wahres dran sein. Sie legte sich auf ihr Bett und starrte an die Decke. Sie sollte jetzt schlafen. Und morgen würde sie sich endlich einen Fluchtplan ausdenken. Sie musste von hier wegkommen und ihre Heimat retten. Ihre Heimat … ihre vermutlich schon verlorene Heimat … und ihre einzige Freundin.

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„Also war ich da so unterwegs und dacht‘ mir, ey, ich verreck‘ gleich, wenn ich nix zwischen die Zähne krieg, da stand auf einmal wie aus dem Nichts dieser wandernde Koch vor mir“, erzählte Prinz Blackfox seiner Schwester auf dem Weg zurück in die Hofstadt. „Ich denk‘ nur, krass Mann, der rettet mir noch das Leben! Und dann sagt er irgendwie sowas: ‚Yo, ich bin der wandernde Koch Corvin und ich seh‘ dir doch an, dass du am Verhungern bist, aber ich hab‘ dir ’nen schönen Hackbraten, dann geht’s dir bestimmt gleich wieder gut!‘ Ich folg‘ ihm also und der führt mich zu so ’ner Burg, ey, da hingen Gabeln rum und sowas, das sah voll krass echt aus!“
„Eine Frage, Bruderherz“, unterbrach ihn die die Prinzessin und legte sich das immer noch bewusstlose Matrifol anders über die Schulter, um es eventuell einfacher tragen zu können, was ihr aber nicht ganz gelang, „warum um alles in Resharps Namen traust du jemandem, der auf den Namen Corvin hört? Das schreit doch schon nach Finsterkaiser.“
Blackfox sah sie einen Moment lang an. „Ey, ich hatte voll krass Hunger“, versuchte er, sich zu rechtfertigen, „ich hab nix gedacht, ich war nur froh, was zu mampfen zu kriegen!“
„Mhm, klar, versteh ich“, sagte seine Schwester in einem sehr sarkastischen Tonfall. Ihr Bruder lächelte. Zum Glück verstand sie ihn. „Lieber was zu mampfen und dann eine willenlose Marionette werden, als einmal nachdenken, was alles passieren könnte.“ Sie wischte sich eine Träne ab. „Kannst du dir eigentlich vorstellen, was wir uns für Sorgen gemacht haben? Es hätte sonstwas passieren können! Was, wenn ich nicht gewesen wäre? Dann hättest du das Spielfigurenland ins Verderben gestürzt! Bist du dir dessen eigentlich bewusst?“
Ihr Bruder sah beschämt zu Boden. „Aber Keksi, jetzt ist doch alles wieder voll okay.“
„Nichts ist okay!“, brüllte Keksi, die Tränen flossen nun in Strömen über ihr Gesicht. „Du hast Kirika geschlagen! Und jetzt hat der Finsterkaiser sie entführt!“
Der Prinz blieb stehen, sein Blick wurde leer. „Was hab‘ ich?“, fragte er fassungslos. Das war doch völlig unmöglich. Er hatte weder die Pokémon noch das strategische Können dafür.
Mit einigen schnellen Schritten holte er zu seiner Schwester auf, die nicht einen Moment lang stehen geblieben war. Schweigend liefen die beiden nebeneinander her zurück in die Stadt. Blackfox wollte etwas sagen, doch er wusste nicht, wie er es hätte formulieren sollen. Es tat ihm leid, was er getan hatte, gleichzeitig hatte er das Gefühl, nichts dafür zu können, und doch fühlte er sich schuldig, da er dem Finsterkaiser einfach so in die Falle getappt war, ohne vorher darüber nachzudenken, was seine Handlungen für Folgen haben könnten.
Keksi starrte den ganzen Weg über nur zu Boden. In ihren Augen spiegelten sich Wut und Angst. Wut auf ihren Bruder, der zu blind war, die offensichtliche Gefahr zu erkennen. Angst um Kirika, ihre Freundin, Angst, dass sie sie vielleicht nie wieder sehen würde, Angst, dass auch Kirika zu einer Marionette des Finsterkaisers werden könnte. Sie wusste, dass Kirika scharfsinnig war und eine Gefahr als solche erkennen würde, doch manchmal war sie so schrecklich impulsiv. Außerdem konnte man nie wissen, wozu der Finsterkaiser noch fähig war. Kirika war seine Gefangene, er könnte sie sicherlich zu so gut wie allem zwingen.
Als die beiden durch das Tor in die Stadt traten, kam schon ihr Vater auf sie zugestürmt. „Töchterlein, wo warst du? Filius … Was ist mit deiner Frisur passiert? Sagt mir nicht, dass …“ Er sah die verletzten Pokémon bei seiner Tochter. „Töchterlein, du hast doch nicht etwa gekämpft?“, fragte er ungläubig.
„Doch, Vater, und diese tapferen Pokémon brauchen jetzt dringend Hilfe, sie sind schwer verletzt!“, antwortete seine Tochter und zeigte ihrem Vater Matrifol, die sie noch immer über eine Schulter hängend trug, sowie Ultrigaria, das von Rotom getragen wurde.
„Töchterlein, wie konntest du nur?“, fragte ihr Vater entsetzt. „Du hast diese Pokémon schlimmer Gefahr ausgesetzt. Und was noch viel schrecklicher ist — du hast dich selbst schlimmer Gefahr ausgesetzt! Töchterlein, wenn ich auch dich an diesen Finsterkaiser verloren hätte … Ich hätte nicht mehr weiterleben können.“
„Aber Vater, ich bin doch in Ordnung“, sagte Keksi und lächelte. „Und ich würde gerne auch weiterhin kämpfen. Als offizielle Abenteurerin.“
Der König trat ein paar Schritte zurück und sah seine Tochter entsetzt an. Nach dem, was mit ihrem Bruder passiert war, wollte sie ernsthaft Abenteurerin werden? Und sie erwartete, dass er es erlaubte? Er schüttelte den Kopf. „Niemals, Töchterlein, niemals!“, sagte er bestimmt. „Ich kann nicht zulassen, dass auch dir so ein Unheil widerfährt.“
„Aber Vater, ich bin doch kein kleines Kind mehr. Ich kann auf mich aufpassen. Seht doch, ich habe sogar die Stadt vom Drachenlord befreit!“, versuchte sie verzweifelt, ihren Vater zu überzeugen. Aber dieser blieb hart.
„Ich werde nicht zulassen, dass du dich in solche Gefahr begibst“, sagte er erneut. „Und jetzt geht auf eure Zimmer!“ Er nahm Keksi die verletzten Pokémon ab und folgte ihr, bis sie auf ihrem Bett saß. Sie hörte, wie er die Tür von außen abschloss.
Keksi ging zum Fenster und sah hinaus auf den Garten, wo sie so gern mit ihren Pokémon spielte. Sie beobachtete, wie ihr Vater die inzwischen wieder gesunden Pokémon freiließ und mit einem verächtlichen Blick auf sie hinabsah. Sie wurde traurig. Sie wollte doch nur ihre Heimat verteidigen. War das etwa falsch? War es falsch, die Pokémon da einfach mit hineinzuziehen? Konnte es falsch sein, für seine Ziele alles zu tun? Dabei waren ihre Absichten doch so rein …
Aber gab es das überhaupt? Gute Absichten, böse Absichten, war das nicht vielmehr eine Frage des Blickwinkels? Aber wenn man es so betrachtete, hatte der Finsterkaiser dann nicht auch zwangsweise irgendeine gute Absicht? Was wollte er überhaupt? Und weswegen? Sie wusste so wenig über ihn. Konnte sie da überhaupt beurteilen, ob er wirklich böse war? Konnte das irgendjemand?
Keksi schüttelte den Kopf. Natürlich war er böse. Wer unschuldige Miis zu seinen Sklaven, zu seinen willenlosen Marionetten machte, der konnte nur böse sein. Und irgendjemand musste ihn aufhalten. Und wenn anscheinend sonst niemand in der Lage dazu war, dann musste sie es eben tun. Nicht als die Prinzessin, nicht als Abenteurerin, nicht als Vertreterin des Hofes, sondern als jemand, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für das Wohl seiner Heimat einstand. Und die Pokémon würden ihr mit Sicherheit gerne dabei helfen, immerhin war es auch in ihrem Interesse, dass das Spielfigurenland in guten Händen war, sodass sie weiterhin ihr sonst so friedliches Leben führen konnten.
Der Finsterkaiser würde bestimmt bald wieder angreifen, das war Keksi klar. Ob er alleine angreifen würde oder mit der Unterstützung seiner Handlanger, ob er gar nur einen seiner Handlanger in den Kampf schicken würde, das konnte sie nicht sagen, aber dass sie ihn um jeden Preis aufhalten würde, dessen war sie sich sicher. Doch was wäre eigentlich, wenn …
Nein, das durfte auf keinen Fall sein, das könnte sie nicht. Wenn sie gegen Kirika kämpfen müsste … Das würde der schlimmste Tag in ihrem jungen Leben werden. Doch was, wenn es tatsächlich … Was, wenn der Finsterkaiser sie … Nein, es durfte einfach nicht sein! Und selbst wenn … Das Mii, gegen das sie kämpfen müsste, könnte unmöglich Kirika sein. Es wäre vielleicht Kirikas Hülle, aber ihr Geist wäre besessen, verflucht … Es wäre nicht Kirika selbst, die ihr Feind wäre.
Keksi richtete sich auf und ging zu der Kommode neben ihrem Bett. Sie kramte in den Schubladen, bis sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Kirika hatte es damals tatsächlich geschafft, ihr einen Schlüssel-Stein für die Mega-Entwicklung aufzutreiben und zu schenken, ohne, dass der König etwas davon mitbekommen hatte. Sie holte das kleine Holzkästchen aus ihrer Kommode und setzte sich damit auf ihr Bett. Sie öffnete das Kästchen, das, immer noch so, wie sie es damals bekommen hatte, nicht verschlossen war.
„Ich hab leider keinen Schlüssel dafür. Aber immerhin ist ein Schlüssel-Stein drin“, hatte Kirika gesagt. Keksi musste grinsen. Sie zog vorsichtig das Tuch, das ganz oben in dem Kästchen lag, zur Seite. Zwei Steine funkelten ihr entgegen. Sie fuhr mit der Hand über die glatte Oberfläche des Schlüssel-Steins. Vorsichtig löste sie den in allen Farben des Regenbogens schillernden Stein aus seiner Halterung und befestigte ihn wie eine Brosche an ihrem Kleid. Dort würde er ihr in Zukunft mit Sicherheit mehr helfen können. Dann holte sie auch den anderen, kleineren Stein aus dem Kästchen und stellte dieses zur Seite.
Dieser Stein war größtenteils rosa, in seinem Inneren befanden sich Gebilde in pastellenem Grün, Gelb und Rot. Es war ein Mega-Stein, das wusste Keksi, doch für welches Pokémon, das hatte Kirika ihr nicht verraten. Er könne die Mega-Entwicklung für eine wahre Prinzessin auslösen, das war alles, was sie dazu gesagt hatte. Wenn es Keksi gelingen würde, diese Prinzessin zu finden … Sie befestigte den Stein an ihrer Halskette und strich mit der Hand vorsichtig darüber. Falls ihr Gegner wirklich Kirika sein sollte … War es in Ordnung, mit den Waffen gegen sie zu kämpfen, die sie ihr höchstpersönlich geschenkt hatte?
Keksi sah die beiden Steine an. Sie war sich ganz sicher. Wenn sie dabei halfen, ihre Heimat zu verteidigen, dann war alles erlaubt.

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Als Kirika aufwachte, war die Sonne noch nicht hinter den Bergen hervorgekrochen. Es war unangenehm kühl in der Festung und Kirika fror, obwohl sie sich fest in das Bettlaken eingewickelt hatte. Sie drehte sich zur Seite. Normalerweise hatte sie keine Probleme, wieder einzuschlafen, auch, wenn es kalt war, war sie das doch eigentlich gewohnt. Aber irgendetwas hielt sie wach.
Es war, als hätte sie einen seltsamen Traum gehabt, der ihr erst jetzt langsam bewusst werden wollte. Sie erinnerte sich an keine Details, außer … War da nicht der Finsterkaiser gewesen? Er war inmitten einer Gruppe Miis gestanden und … Sie dachte nach. Irgendetwas an diesem Traum war wirklich seltsam gewesen, gar bedrückend. Sie erinnerte sich bruchstückhaft. Aus irgendeinem Grund hatte sie versucht, den Finsterkaiser zu erreichen, aber die Entfernung war immer gleich geblieben. Das hatte sie traurig gestimmt.
Kirika drehte sich zur anderen Seite. Was bedeutete dieser Traum? Bedeutete er überhaupt irgendetwas? Warum sollte sie traurig sein, wenn sie den Finsterkaiser nicht erreichen konnte? Sie sah die kahle Wand an. Fast vorsichtig streckte sie ihre Hand aus und berührte die kalten Mauersteine. Schnell zog sie die Hand wieder zurück.
Sie schloss die Augen. Ein Gefühl von Traurigkeit und Leere umfasste sie, doch sie verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Eigentlich hatte sie keinen Grund, traurig zu sein. Vielleicht abgesehen davon, dass sie immer noch keinen Fluchtplan hatte und hier festsaß. Es musste wohl irgendwie mit dem Traum zusammenhängen. Aber was sollte das alles? Warum träumte sie vom Finsterkaiser?
Kirika warf das Bettlaken von sich und rollte sich vom Bett. Schlafen konnte sie sowieso nicht mehr. Sie schlurfte zum Fenster. Das Kramurx von letzter Nacht landete vor ihr.
„Hey, Vögelchen“, sagte sie zu dem Pokémon, das sie förmlich anstarrte. „Was kuckst du so? Seh ich anders aus? Hab ich mich verändert?“, fragte sie irritiert. Das Kramurx schaute weg. Kirika zog eine Augenbraue hoch. Die Pokémon hier waren anscheinend genauso seltsam wie die Miis, die in der Festung lebten.
„Gleich kommt er wieder, hm?“, sagte sie zu dem Pokémon, das sie nun zu ignorieren schien. „Corvin … und seine leckeren Kekse.“ Ihr lief schon allein beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen. Das Kramurx sah sie verwirrt an.
„Kraa?“, machte es.
„Was ist?“, fragte Kirika. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Sie hatte doch nur gesagt, dass Corvin … Moment mal … hatte sie ihn wirklich Corvin genannt? Nicht Finsterkaiser? Seit wann sprach sie über ihn denn mit seinem Vornamen?
Sie sah das Pokémon an, das ihr nun wieder ins Gesicht starrte. „Du bist ganz schön aufmerksam, meine Kleine“, sagte sie, streichelte dem Kramurx kurz über den Schnabel und blickte dann zu Boden. Der Blickkontakt zu dem Unlichtvogel war ihr unangenehm. Wusste das Pokémon etwa, was die Kekse bewirken konnten? Oder war es nur das scharfsinnigste Kramurx, das ihr je begegnet war?
„Weißt du, Vögelchen“, begann sie dann, mehr zu sich selbst redend als zu dem Pokémon, „ich hab da dieses seltsame Gefühl … fast, als würd‘ ich mich freuen, wenn Corvin wieder vorbeikommt.“ Das Kramurx sah sie fragend an. „Ich kann’s mir auch nicht so recht erklären, aber … ich will, dass er herkommt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß doch auch nicht, was mir das bringen würde. Irgendwie seh ich ihn halt gern. Schlecht aussehen tut er ja nicht gerade …“ Das Kramurx starrte sie immer noch an. „Wenn du irgendwem ausplauderst, was ich hier gerade für Quatsch von mir gegeben habe, dann hau ich dich!“, sagte sie, als sie rot wurde.
„Kraa, kraa!“, machte das Kramurx und flatterte davon. Kirika winkte ihm hinterher.
Sie sah in die Ferne. Das Spielfigurenland leuchtete in den ersten Sonnenstrahlen des Tages in einem goldenen Licht. Es klopfte und schepperte an der Tür zu Kirikas Zelle. Pünktlich wie immer, dachte sie und drehte sich um. Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als Corvin durch die Tür trat. Dieser sah sie erstaunt an.
„Du schon wach?“, fragte er. „Schade, ich hätte dich doch so gerne beim Schlafen beobachtet. So wie gestern und vorgestern, als du da so friedlich lagst, schlafend, nur noch mit Unterwäsche bekleidet …“
„Halt’s Maul, Perversling!“, brüllte Kirika, „die Situation, wenn eine Frau bewusstlos ist, ausnutzen, kann jeder!“ Der Blick des Finsterkaisers wurde streng.
„Du hast doch keine Ahnung davon, wie es ist, ausgenutzt zu werden“, sagte er nur, stellte Kekse und Brot auf dem Tisch ab und setzte sich. „Jetzt iss.“
Kirika wurde unsicher. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Aber ihre Reaktion auf seine Äußerung war doch nur verständlich … oder? Sie setzte sich ebenfalls und nahm sich einen Keks. Sie sah den Keks an, drehte und wendete ihn, als könnte er ihr eine Antwort auf ihre Fragen einflüstern. Warum war Corvin vom einen Moment auf den anderen so streng? Was meinte er damit, dass sie nicht wisse, wie es ist, ausgenutzt zu werden? Gut, vermutlich konnte man das, was er getan hatte, nun wirklich nicht als „ausnutzen“ bezeichnen. Aber warum reagierte er da so empfindlich? Es war doch wohl offensichtlich, dass sie es nicht wortwörtlich so gemeint hatte.
Lustlos drehte sie den Keks in ihrer Hand herum. „Was ist?“, fragte der Finsterkaiser. „Willst du den Keks heute nur anschauen?“
„N-natürlich nicht“, sagte Kirika und aß ihn. Bestimmt war er eigentlich genauso gut wie der am Tag zuvor, aber die angespannte und gedrückte Stimmung verdarb ihr den Appetit. Was war nur sein Problem? Weswegen war er vom einen Moment auf den anderen von seinen Sticheleien zu diesem eiskalten, abweisenden Auftreten gewechselt? Sie hatte eigentlich keinen Hunger, nicht den geringsten Appetit, aber damit er nicht noch beleidigter werden würde und um die Zeit bis zum Mittag durchzuhalten, nahm sie sich noch einen Keks.
Irgendetwas zwang sie dazu, immer wieder in Corvins Richtung zu schauen. Sie versuchte, den Blickkontakt zu meiden, doch er starrte sie die ganze Zeit über an. Er sah doch sonst wirklich nicht schlecht aus, aber dieser eiskalte Blick … Kirika schüttelte kaum merklich den Kopf. Hatte sie ihn in Gedanken gerade wirklich gutaussehend genannt? Schon wieder? Was war nur falsch mit ihr? Sie sah ihn an. Tatsächlich hatte er etwas an sich, was sie sehr attraktiv fand. Was genau, das konnte sie auch nicht sagen, aber es sorgte dafür, dass sie ihren Blick nicht mehr von ihm wenden konnte, so sehr sie es auch wollte. Und je länger sie ihn ansah, umso beklemmender fand sie die bedrückte Stimmung.
„Anscheinend bist du fertig“, sagte Corvin und stand auf. Ohne ein weiteres Wort räumte er den Tisch ab und verließ den Raum. Kirika beobachtete ihn dabei. Er schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Als er den Raum veließ, fixierte er sie noch ein einziges Mal mit seinen dunklen Augen. Kirika zuckte zusammen, doch in diesem Moment schloss er die Tür und war verschwunden.
Sie blieb still sitzen und starrte weiterhin in Richtung der Tür. Hoffte sie so, ihn zu einer Rückkehr bewegen zu können? Sie wusste es selbst nicht so recht. Sie wusste nur, dass diese ganze Situation mehr als seltsam war und sie keinen blassen Schimmer hatte, was sie davon zu halten hatte. Hatte sie sich ernsthaft in ihn verkuckt? In ihn, Corvin, den Finsterkaiser, ihren schlimmsten Feind, ihren Entführer? Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Das würde sie am Ende noch davon ablenken, sich endlich diesen verdammten Fluchtplan auszudenken. Aber sie wusste noch nicht einmal, wo sie damit beginnen sollte, also saß sie einfach nur da, starrte in diese eine Richtung und träumte vor sich hin.

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