Kirika lief in ihrer Zelle auf und ab. Seit Tagen saß sie hier nun schon fest, aber mit jedem Tag machte es ihr weniger aus. Sie hatte hier doch alles, was sie brauchte. Regelmäßige Mahlzeiten, ein Pokémon als Gesprächspartner und genug, womit sie sich die Zeit vertreiben konnte. Außerdem durfte sie ihn sehen, wenn er vorbeikam, um ihr die Werke seiner fantastischen Kochkünste zu präsentieren.
Kirika seufzte. Die letzten Tage hatte sie noch verzweifelt versucht, sich einzureden, dass er ihr Feind war und sie diese nahezu magische Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, einfach zu ignorieren hatte, aber ihr war klar, dass das vergebens war. Wozu auch? Dem Spielfigurenland konnte sie jetzt sowieso nicht mehr helfen. Wenn der Drachenlord gewonnen hatte — und sie war sich sicher, das hatte er –, dann käme sie jetzt eh schon längst zu spät, um den Hof zu retten. Sie hatte versagt, auf ganzer Linie versagt. Sie konnte sich dort bestimmt nie wieder blicken lassen. Wer wollte schon eine besiegte, eine gefallene Hof-Abenteurerin?
Sie trat gegen den Fußball, der vor ihr lag. Dieser knallte gegen die Wand, prallte ab und flog Kirika geradewegs mitten ins Gesicht, sodass sie umfiel. Sie schüttelte den Kopf. War das gerade wirklich …? Sie musste lachen. So etwas passierte doch wirklich nur ihr. Wie effektiv so ein Fußball doch sein konnte, um sich negative Gedanken aus dem Kopf zu ballern …
Mit einem lauten Rumpeln öffnete sich die Tür. Kirika drehte sich um. Ihr Grinsen wurde gefühlt noch breiter, als sie Corvin hereinkommen sah. „Na, ist es auf dem Boden bequem?“, begrüßte er sie und stellte etwas auf den Tisch. Kirikas Magen knurrte. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie solchen Hunger hatte. Schnell richtete sie sich auf und setzte sich zu ihm. Corvin sah sie an und grinste.
„Du hast da was“, sagte er und wischte ihr irgendetwas aus dem Gesicht. „Hast du so viel Dreck geredet, dass er schon an deinem Mund klebt?“
„Ich hatte so viel Hunger, da hab ich vom Mauerstein genascht“, sagte Kirika und sah auf das, was er ihr auftischte.
„Heute auf dem Speiseplan des Finsterkaisers: Hackbraten“, sagte dieser, „und wenn du alles brav aufisst, gibt es als Nachspeise Kekse. Und vielleicht noch etwas anderes. Aber das ist eine Überraschung.“
Sie sah ihn eher unbeeindruckt an. Eine Überraschung zur Nachspeise? Ernsthaft? Wie alt, dachte er, war sie? Corvin setzte sich ihr gegenüber, stützte mit einer Hand seinen Kopf und beobachtete sie. Kirika fiel erst jetzt auf, dass er heute nicht in seinem niedlichen roten Parka auftrat, sondern sein Finsterkaiser-Gewand trug, komplett mit Krone, unbequem aussehenden Schuhen und dem riesigen blauen Edelstein, selbst das Zepter hatte er mitgebracht.
Ob er wohl gerade von irgendeiner Mission kam? Aber dafür war sein Gewand ungewöhnlich sauber und ordentlich. Vermutlich hatte es irgendetwas damit auf sich. War es eine freche, kleine Machtdemonstration Kirika gegenüber? Als ob sie je vergessen könnte, wer dieses Mii war, das sie seit Tagen gefangen hielt … Gefangen …
Gefangen von seinen dunklen Augen, seinen so markanten Gesichtszügen, diesem eiskalten Lächeln, das er ihr jeden Tag entgegenwarf … Ihr Blick war an ihn geheftet und sie tat nichts, um ihn wieder von ihm zu lösen. Sie verlor sich in Tagträumen über ein Leben, das sie nie gelebt hatte und das sie nie leben würde, in Tagträumen, die längst vergessene und begrabene Wünsche und Begierden in ihr zu neuem Leben erweckten, in Tagträumen darüber, wie schön es sein könnte, wenn der Mann ihr gegenüber nicht ihr Feind wäre.
„Willst du, dass der Hackbraten kalt wird?“ Es waren eher verschwommene Worte einer vertrauten Stimme, die Kirika wahrnahm und die Kirika aus ihren Gedanken rissen, als das Gesagte an sich.
„W-was?“, stammelte sie.
„Ob du deinen Hackbraten kalt werden lassen und die Überraschung verpassen willst, habe ich gefragt“, wiederholte der Finsterkaiser. Sie schüttelte den Kopf und schnitt sich ein Stück Fleisch ab.
Sie zögerte. War es nicht der Hackbraten, der Miis in Marionetten verwandelt hatte? Andererseits … sie hatte hier schon so viel gegessen, warum sollte allein der Hackbraten das Privileg haben, mit einem Zauber belegt zu sein? Vermutlich war sie schon längst verzaubert und merkte es nur nicht. Der Hackbraten schmeckte genial, so wie alles, was sie hier zu essen bekam, genial schmeckte. Und so war er binnen weniger Minuten auch schon verschwunden.
„Gutes Mädchen“, lobte Corvin und stand auf. „Die Kekse gibt es später. Überraschungen sind doch viel interessanter, findest du nicht auch?“ Kirika beobachtete leicht genervt, wie er zu einem Fenster ging. Erst Kekse versprechen und dann doch keine liefern … So hatte sie es gern. Er deutete ihr, zu ihm zu kommen, woraufhin sie sich neben ihn stellte.
„Was würdest du davon halten“, fing Corvin an und blickte auf das Land hinaus, „dieses Reich an meiner Seite zu regieren?“ Ein verstohlener Blick zur Seite verriet ihm, dass Kirika mit offenem Mund fassungslos dreinblickte. „Du und ich, nur wir beide … wir beide und ein Kaiserreich der Finsternis“, fuhr er fort. „Du dürftest regieren, so, wie ein Mii deiner Güte es verdient hat. Du wärst nicht länger nur ein Handlanger, ein Hofnarr, wie unter diesem Nero. Du wärst mächtig. Du und ich — wir könnten diese Welt verändern! … Was sagst du?“
Kirika konnte nicht glauben, was sie da hörte. Regieren, die Welt verändern … Sie konnte nicht leugnen, dass das durchaus verlockend klang. All dies an Corvins Seite … An der Seite des Finsterkaisers, des ehemaligen Feindes. So verrückt und so illoyal sie sich dabei fühlte, es klang in ihren Ohren keineswegs schlecht. Doch sie stand da, wie versteinert, und sah starr nach vorne. Dort, in der Ferne, das Spielfigurenland, ihre Heimat …
„Muss ich dich erst davon überzeugen, dass du es willst?“, fragte Corvin, der nun ihre Hand packte. Kirika drehte sich unwillkürlich zu ihm um. „Du willst es doch, oder?“
Vorsichtig strich er ihr ein paar Haare aus dem Gesicht. Er sah ihr tief in die Augen, sah ihre Unsicherheit, ihre Angst.
„Keine Sorge, so schlimm bin ich schon nicht“, versicherte er ihr. Er kam ihr noch einen Schritt näher, hielt weiterhin ihre Hände fest, sodass sie sich nicht bewegen konnte, nicht wehren konnte. Ihre Körper berührten sich. Kirika spürte seine Wärme. Diese Wärme … Sie mochte dieses Gefühl, doch brach sie gleichzeitig in eine stille Panik aus. Er war ihr so nah, so unglaublich nah. Am liebsten wollte sie fliehen, weit weg rennen, doch gleichzeitig wollte sie hier bleiben, hier, in seiner Nähe.
Er legte seine Hand an ihren Kopf und hielt sie fest. Kein Entrinnen. Nun drehte Kirika endgültig durch. Was war es, was dieser Corvin da mit ihr machte? Was war dieses Gefühl, das sich da tief in ihr regte? Wärme, Geborgenheit, diese nahezu magnetische Anziehungskraft? Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie in das Gesicht des Miis vor ihr.
Dieser kalte Blick, dieses kalte Lächeln … Dieser Blick von absoluter Kontrolle … Als würde er alles berechnen, was er tat, als wüsste er ganz genau, was er tat. Und er wusste es, das war Kirika klar. Doch was … wofür … warum …? Hunderte Gedanken rannten einen Marathon durch ihren Kopf, doch keiner war auch nur ansatzweise greifbar.
Wenige Millimeter trennten die beiden Miis. Kirikas Spielzeugherz hämmerte wie wild gegen ihre Brust, ihre Atmung war unkontrolliert, flach, schnell, sie zitterte wie ein Sesokitz, das vor einem wilden Pyroleo floh. Was hatte er mit ihr vor? Sie hatte eine Ahnung, gar eine Hoffnung, doch … warum sollte er das tun? Wofür? Warum ausgerechnet jetzt?
Mit einem Mal berührten die Lippen des Finsterkaisers die ihren. Sie erschrak fast, war unfähig zu denken. Sie schloss ihre Augen und gab sich dem hin, seinen weichen Lippen, seinem immer fester werdenden Griff, genoss diesen Moment, diesen so ewig scheinenden Moment. Zwischen ihr und Corvin tanzten die Funken, ein Gefühl der Wärme breitete sich in ihr aus. Diese Wärme, diese unendliche Wärme, Nähe, Geborgenheit … Sie hatte so etwas noch nie erlebt. Doch es war das … Es war das, wovon sie immer geträumt hatte. Die Erfüllung ihrer … Träume …? Sollte sie diese wirklich in den Armen des Finsterkaisers finden? In den Armen des Miis, der all die Zeit ihr Feind gewesen war, der schon mehrmals versucht hatte, sie umzubringen und der sie überhaupt erst hierhin entführt hatte? Doch in diesem Moment hatte sie keine Zweifel. Das war es, was sie wollte. An seiner Seite …
Als sich Corvin von ihren Lippen löste, bebten diese noch immer. Wie gern hätte sie ihn gefragt, ob er das nicht noch einmal wiederholen könnte, ob er diesen Moment nicht länger hätte währen lassen können … Doch das hätte den Moment zerstört. Ihr Zittern war verschwunden, sie wurde ruhiger, doch ihre Gedanken rannten und rannten noch immer im Kreis. Wollte sie wirklich an der Seite des ehemaligen Feindes regieren? Was war mit dem Spielfigurenland? Doch das gerade eben … Wie viel Überzeugungsarbeit müsste man denn sonst noch leisten? Ihre Gefühle, ihre Empfindungen sprachen doch eine eindeutige Sprache.
Corvin wandte sich ab und ging, ohne ein Wort, ohne einen Ton. Kirika sah ihm hinterher. Wie sehr wünschte sie, in genau diesem Augenblick seine Stimme zu hören. Sie wollte etwas sagen, ihn aufhalten, doch sie brachte keinen Laut hervor. Sie wusste auch nicht, was sie hätte sagen sollen. Doch ihn einfach gehen zu sehen, das fühlte sich in diesem Moment so schrecklich an. Nun war sie wieder allein. Allein mit sich selbst.

signshsq9n

„Zeit zum Aufbruch“, sagte Keksi zu sich selbst, als sie zum Fenster ging. Ihre Tür war verschlossen, sie hatte immer noch Hausarrest, also musste sie sich wohl oder übel davonschleichen. Ein Blick nach draußen verriet ihr, dass die Luft anscheinend rein war. Jetzt oder nie — sie musste ihre Chance ergreifen! Sie stellte alle Plüschis, die sonst so hübsch auf ihrem Bett posierten, auf einen Schrank in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers, sodass sie sich an der Bettdecke zu schaffen machen konnte.
Hoffentlich hatte Kirika ihr damals keinen Unsinn erzählt, als sie ihr erklärt hatte, wie sie am leichtesten fliehen könnte, wenn ihr Vater sie nicht gehen lassen wollte. Sie hatte das noch nie versucht, aber es musste einfach funktionieren. Keksi fühlte sich etwas schlecht dabei, Dinge willentlich zu zerstören, oder, wie Kirika es so schön ausgedrückt hatte, zweckzuentfremden, so auch jetzt, als sie die Nahten ihrer Bettdecke so auftrennte, dass diese ihr einen Haufen Wablufedern vor die Füße spuckte und schließlich die doppelte Länge hatte, aber es musste sein und es war für einen guten Zweck, also war es gerechtfertigt.
Sie befestigte ein Ende des Tuches, das einmal ihre Bettdecke gewesen war, an ihrem Bett und warf das andere Ende nach einem weiteren prüfenden Blick nach unten aus dem Fenster. Sie zerrte daran, doch weder ihr Bett noch der Knoten gaben nach, also hoffte sie, dass es sie aushalten würde, wenn sie daran hinunterkletterte. Sie überprüfte noch einmal, ob sie alles hatte, was sie für unterwegs brauchte. Schlüssel-Stein, Mega-Stein, Glücksbringer — einen Moment! Wo war ihr Glücksbringer?
Sie durchsuchte hastig ihre Kommode, doch da war nur Papierkram, unnötiges Zeug, wertloser Müll und … Sie atmete auf, als sie die silberne Haarspange mit dem süßen Flabébé fand, die sie angeblich von ihrer Mutter bekommen hatte. Sie war zu jung, sich daran zu erinnern, immerhin war sie erst drei Jahre alt gewesen, als ihre Mutter verschwunden war, aber dennoch war diese Spange ihr heilig. Ohne sie ging sie nirgendwo hin. Aber jetzt hatte sie ja alles, was sie brauchte, da konnte die Reise doch losgehen!
Keksi kletterte durch das Fenster und hielt sich an dem Tuch fest, das bis kurz über den Boden reichte. Stück für Stück tastete sie sich nach unten vor, als sie plötzlich merkte, wie sie dem Boden mit einem Mal ein gutes Stückchen näher kam. War der Knoten etwa nicht fest genug? Sie wurde leicht panisch. Etwas schneller als zuvor versuchte sie, sich nach unten vorzuarbeiten, als sie merkte, wie der Knoten mit einem Ruck ganz nachgab und ihr einen Freiflug schenkte.
Die Bettdecke begrub sie unter sich. Nach einem Moment, den Keksi brauchte, um zu realisieren, was passiert war, öffnete sie die Augen und begann, panisch mit den Armen herumzuwedeln, in einem vergeblichen Versuch, die Decke von ihrem Gesicht zu bekommen. Zum Glück war sie schon recht weit gekommen und hatte sich nicht schlimm verletzt, zumindest spürte sie nichts. Nur dieses verdammte Tuch, das auf ihrem Gesicht herumlag …
Keksi kniff die Augen etwas zusammen, als sie doch wieder Licht sehen konnte. Sie blickte in das Gesicht von Rotom, das einen freudigen Ruf ausstieß, als es sah, dass sie wohlauf war. Mit seiner Hilfe befreite sie sich vollständig aus der Bettdecke, dann wandte sie sich an es.
„Rotom, ich brauche wieder eure Hilfe“, sagte sie zu dem Pokémon, während sie sich den Dreck vom Kleid klopfte. „Such du bitte Matrifol und Sarzenia. Ich muss noch kurz etwas erledigen und komme gleich wieder hierher.“ Der kleine Rasenmäher nickte und verschwand sogleich tiefer in den Garten.
Keksi schlich sich um das Schloss zum Eingangsbereich, wo sie einen Moment abpasste, in dem die Wache unaufmerksam war, sodass sie sich hinein schleichen konnte. Leise und vorsichtig begab sie sich zu dem Raum, wo ihr Vater alle wichtigen Gerätschaften für seine Abenteurer lagerte. Sie lauschte an der Tür. Kein Geräusch. Langsam öffnete sie die Tür und schlich sich hinein.
Sie nahm sich eine jener Apparaturen, mit denen man verletzte Pokémon sicher transportieren konnte, bis man wieder irgendwo die Möglichkeit hatte, sich richtig um sie zu kümmern, und eines jener Geräte, mit denen man die Stärke, die physische Verfassung und die Attacken eines Pokémon ganz genau ablesen konnte. Sie wusste nicht genau, wie sich diese kleinen elektronischen Helferlein für den Abenteureralltag nannten, doch sie wusste, wie sie funktionierten und dass sie ihr bald von großer Hilfe sein würden.
Ebenso vorsichtig, wie sie sich in das Schloss geschlichen hatte, schlich sie sich auch wieder hinaus. Sie hatte wirklich Glück, dass ihr Vater so geizig war, was Wachen und generell Bedienstete anging.
Sie seufzte erleichtert auf, als sie wieder im Garten ankam und schon sah, wie ihr Rotom und die anderen beiden Pokémon entgegen gesprungen kamen. Sie tätschelte dem Rasenmäher den Kopf.
„Leute, unser Plan für heute: Wir brauchen mehr Teammitglieder, wenn wir die Stadt auch zukünftig beschützen wollen“, erklärte sie, „also werden wir von der Ballonstation aus mit einem Blätterballon in den Hofgarten fliegen.“
Rotom grinste.
„Nein, Rotom, nicht dafür!“, sagte Keksi schnell und wurde leicht rot, „wir gehen da hin, weil es dort starke Pokémon gibt, das ist der einzige Grund!“
Rotom grinste dennoch weiterhin. Keksi schüttelte den Kopf. Dieses Pokémon war einfach unverbesserlich. Sie entfernte sich zusammen mit ihren drei Begleitern vom Schloss und ging in die Stadt.
„Oh, Prinzessin Keksi! Womit haben wir uns die Ehre verdient?“, fragte die Bedienstete am Heißluftballonstand.
„Wir müssen schnell in den Hofgarten! Es ist dringend!“, antwortete Keksi.
„Aber Prinzessin, ohne Pokémon ist das gefährlich!“
Keksi deutete auf das Rotom direkt neben ihr.
„Ja, gut … Aber weiß seine Majestät Euer Vater denn davon?“
Keksi nickte. „Er hat nichts dagegen.“
„Na gut“, sagte die Bedienstete. „Aber seid vorsichtig.“
Keksi bedankte sich und stieg in den Blätterballon. „Ich bin total aufgeregt, Rotom“, sagte die Prinzessin leicht nervös zu dem grün leuchtenden Pokémon neben ihr, „ich war noch nie in so einem Gebiet voller wilder Pokémon. Aber ich kenne die Pokémon hier eigentlich alle. Wird schon schiefgehen!“
Mit einem leichten Ruckeln landete der Ballon im Hofgarten. Keksi stieg mit ihren Pokémon ab, woraufhin der Ballon wieder davonschwebte. Im hintersten Teil des Hofgartens würde er wieder landen und sie aufsammeln. „Alles klar, los geht’s, Leute“, sagte die Prinzessin frohen Mutes und marschierte los.
Eine Gruppe Flabébé schwebte ihr entgegen. „Zeigt mir doch mal, was ihr könnt!“ Rotom und Matrifol stürmten auf die Pokémon zu und griffen sie mit Pflanzen-Attacken an. Keksi schaltete eines der Geräte ein, die sie hatte mitgehen lassen. Es zeigte an, dass die Attacke von Rotom Blättersturm und die von Matrifol Laubklinge hieß. Die Attacken wurden als sehr mächtig angezeigt, was sich auch im Kampf zeigte, denn die Flabébé waren recht schnell besiegt. Hinter einer Kurve entdeckten sie ein Floette, das eine saphirblaue Blume sein Eigen nannte. Es war deutlich größer als normale Spielzeugpokémon, ähnlich den überdimensionierten Mega-Pokémon, mit denen sie im Kampf mit ihrem Bruder zu tun hatte.
„Sarzenia, jetzt bist du dran“, sagte sie zu dem Pokémon hinter ihr. „Das ist ein Floette, ein Fee-Typ. Greif es mit deiner Gift-Attacke Matschbombe an.“
Sarzenia nickte und spuckte direkt sein Gift auf das Floette. Dieses versuchte, sich zu schützen, war von dem plötzlichen Angriff aber so überrascht, dass es anfing, zu taumeln. Einige weitere Angriffe und es fiel zu Boden und schrumpfte auf normale Größe. Keksi rannte auf es zu.
„Floette, komm mit mir! Ich brauche deine Hilfe!“ Das Floette funkelte sie böse an und wischte sich den Schmutz vom Körper. Keksi wich einen Schritt zurück, doch die Blumenfee folgte ihr und reichte ihr ihre Hand als Freundschaftsangebot. Keksi nahm an und lächelte. Gemeinsam mit ihrem neuen Pokémon begab sie sich auf die nächste Ebene.
Eine Horde Lilminip begrüßte Keksi und ihre Begleiter, doch diese waren dank Gift- und Käferangriffen so schnell besiegt, wie sie erschienen waren. Keksi erinnerte sich daran, wie Kirika ihr einst die Wechselwirkungen der Typen erklärt hatte. „Stell dir vor, jemand gibt dir und deinem Bruder genau die gleichen Matheaufgaben zu lösen. Du machst sie mit Leichtigkeit fertig, aber Blackfox wird ewig brauchen, wenn er es überhaupt irgendwann schafft. So ähnlich ist es auch mit den unterschiedlichen Attackentypen: Eine Feuer-Attacke besiegt ein Pflanzen-Pokémon ganz einfach, eine Wasser-Attacke braucht dafür länger, auch, wenn beide Attacken beispielsweise gegen ein Normal-Pokémon gleich stark sind.“ Blackfox, der das zufälligerweise mitbekommen hatte, war daraufhin so beleidigt, dass er eine ganze Woche lang nichts mehr mit den beiden geredet hatte. Keksi musste bei dem Gedanken daran grinsen. Hoffentlich kamen diese guten alten Zeiten bald wieder zurück. Sie vermisste Kirika so sehr …
Keksi sah auf den Weg vor sich. Jetzt war keine Zeit, über alte Zeiten zu sinnieren. Sie hatte wahrlich Wichtigeres zu tun. Gemeinsam mit ihren Pokémon schritt sie voran, bis sie ein übergroßes Dressella sah. Sie befahl Matrifol, das Pokémon mit Kreuzschere anzugreifen. Es dauerte nicht lange, und auch Dressella war besiegt und schrumpfte. Matrifol half der tanzenden Blume wieder auf und erzählte ihr irgendetwas, woraufhin sie auf Keksi zugehüpft kam. Diese nahm das Pokémon freudig in ihr Team auf und schritt weiter auf die nächste Ebene.
Die Floette, die sich dort versteckten, wurden von Sarzenia schnell aus dem Weg geräumt, sodass Keksi und ihr Team zum letzten Pokémon des Hofgartens vordringen konnten, einem schneeweißen Florges. „Diesmal sind die beiden Neuen dran“, sagte Keksi zu ihren Begleitern. „Dressella greift mit Blättertanz an und Floette mit Mondgewalt!“ Die beiden Pokémon feuerten ihre stärksten Attacken auf die große weiße Blume, sodass auch diese schnell zu Boden ging. Beeindruckt von der Stärke des Teams schloss auch sie sich der Prinzessin an.
Der Blätterballon landete direkt vor den Nasen von Team Keksi, sodass sie mit einem deutlich stärkeren Team in die Hofstadt zurückkehren konnte. Doch wie sollte sie ihrem Vater diesen Ausflug erklären? Eigentlich hatte sie doch Hausarrest. Sie sah die Pokémon an, die sie umgaben, sich gegenseitig gerade kennenlernten und Spaß dabei zu haben schienen. Es würde schon nicht so schlimm werden …

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„Vögelchen, bist du da irgendwo?“, fragte Kirika ins Nichts hinaus. Sie brauchte jemanden, mit dem sie reden konnte. Sie hatte keine Ahnung, was sie fühlen sollte, sie hatte keine Ahnung, was sie denken sollte, sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Sie fühlte sich von der gesamten Situation überfordert. Wenn sie sich dem Finsterkaiser anschloss … War das nicht Verrat an ihrer Heimat? Aber wenn diese doch sowieso schon verloren war …
Ein Kramurx landete vor ihr. „Kraa?“, machte es. Kirika seufzte.
„Vögelchen, was soll ich nur tun?“, fragte sie das Pokémon, das sie mit einem durchdringenden Blick anstarrte. „Der Finsterkaiser will, dass ich mich ihm anschließe, und ich will’s ja auch, aber … es fühlt sich so an, als würd ich meine Heimat verraten. Das ist schrecklich.“ Sie sah das Kramurx an, das vor ihr hin und her hüpfte. „Aber macht es eigentlich noch einen Unterschied?“, fragte sie dann. „Es ist doch ganz unmöglich, dass irgendwer das Spielfigurenland befreit hat. Da kann ich doch auch gleich mit ihm …“ Sie sah zu Boden. „Aber wenn’s doch noch nicht zu spät für das Spielfigurenland ist … Was soll ich nur tun?“ Sie seufzte. Das Kramurx stupste sie mit dem Schnabel an. „Du meinst, ich soll mich wie immer kopfüber ins Unheil stürzen? Wie gut kennst du mich eigentlich?“
„Kraa, kraa!“, machte der Unlichtvogel und flog davon.
Sie hörte, dass der Finsterkaiser hereinkam und irgendetwas auf den Tisch stellte. „Na, hast du es dir überlegt?“, vernahm sie seine Stimme neben sich. Sie sah ihn an. Er trug wieder sein Finsterkaiser-Gewand. Er sah darin so verdammt gut aus …
„I-ich“, stotterte Kirika, „ich werde dir folgen. In jeden Kampf, in jede Schlacht. Ich bin bei dir. Jetzt und für immer.“
Corvin lächelte. „Sehr schön. Morgen darfst du mir gleich beweisen, wie treu du tatsächlich bist. Wir werden endlich das Spielfigurenland einnehmen — deine alte Heimat.“
Kirika erschrak. Das Spielfigurenland war noch nicht gefallen? War ihre Entscheidung etwa falsch?
„Oh, hast du es etwa noch gar nicht mitbekommen?“, fragte Corvin grinsend. „Der Drachenlord hat versagt. Aber mit dir an meiner Seite kann der nächste Angriff unmöglich schiefgehen.“
Sie schluckte. Sie war doch immer als die Hoffnung des Spielfigurenlandes gefeiert worden. Sollte sie nun zu seinem Untergang werden? Aber sie hatte ihre Entscheidung schon getroffen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie sah zu Boden. Wer würde wohl ihr Gegner werden? Es gab viele gute Abenteurer im Spielfigurenland, doch keinem traute sie zu, stark genug zu sein, um den Drachenlord zu besiegen. König Nero musste ein Ass im Ärmel haben, von dem sie nichts wusste.
„Keine Angst, du wirst deine Entscheidung nicht bereuen“, sagte Corvin und blickte in Richtung des Spielfigurenlandes. „Ab morgen musst du kein Handlanger mehr sein. Du bekommst endlich den Lohn, der dir rechtmäßig zusteht. So oft, wie du das Spielfigurenland schon verteidigt hast, steht es keinem mehr zu als dir, es zu regieren.“
Kirika hob ihren Blick und sah in die Ferne. Vermutlich hatte er recht. Sie hatte das Spielfigurenland so viele Male unter Einsatz ihres Lebens verteidigt und war nie mit mehr als elf Poké-Diamanten dafür entlohnt worden. War ihr Einsatz wirklich so wenig wert? Sicher nicht. Sie war schon lange nicht mehr damit zufrieden gewesen, wie Nero sie behandelt hatte. Immer der absolut gleichbleibende, viel zu niedrige Lohn, von dem man sich kaum sein täglich Brot leisten konnte, dafür immer gefährlichere Feinde und Missionen, und für stärkere Pokémon musste man sich natürlich selbst von seinem viel zu niedrigen Lohn maßlos überteuerte Ballons kaufen. Außerdem schien er sie in letzter Zeit verdammt ungern in der Nähe seiner Tochter zu sehen, als hätte sie sich auf einmal in einen total schlechten Einfluss verwandelt. Doch warum … Warum brauchte es eigentlich einen Finsterkaiser, um ihr das klarzumachen? Und warum …
„Corvin, sag mal“, sagte Kirika und sah ihn an. „Warum willst du eigentlich unbedingt das Spielfigurenland einnehmen?“
Er warf ihr einen kurzen Blick zu und wandte ihn sofort wieder in die Ferne ab. „Das verstehst du nicht“, sagte er kalt.
Kirika legte den Kopf schief. „Also nochmal kurz, für ganz Dumme: Du traust mir zu, ein Königreich zu regieren, aber du traust mir nicht zu, deine Motivation zu verstehen, warum du meine Heimat einnehmen willst?“
„Genau“, sagte er ohne die kleinste Regung. „Aber da du eh keine Ruhe geben wirst: Ich will mich rächen. An all den Miis, die mich einst verstoßen haben.“
Kirika sah ebenfalls in die Ferne, wo sich das Spielfigurenland im Schein der untergehenden Sonne in einen goldenen Schleier hüllte. „Rache ist doch kein Antrieb.“
„Ich sagte doch, du verstehst das nicht“, sagte der Finsterkaiser leicht aggressiv. „Meine Eltern haben sich nie um mich gekümmert, in der Schule haben mich alle gehasst und mein einziger Freund war ein Simsala.“
„Soll ich jetzt Mitleid mit dir haben?“, fragte Kirika. „Ich wünschte, ich hätte so etwas wie eine Familie gehabt. Oder eine Schule. Ich hatte niemanden außer meinen Caesurios. Du — du bist gebildet, du siehst gut aus, du hättest dich nur ein kleines bisschen anpassen müssen, dann wär die böse Welt lieb zu dir gewesen!“
„Ruhe jetzt!“, rief er. „Iss dein Abendbrot! Wir haben noch etwas vor!“ Kirika warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Sie hasste kaum etwas so sehr, wie wenn ihr jemand das Wort verbot, nur, weil sie einen verdammt guten Punkt hatte. Sie trottete zu ihrem Stuhl. Corvin hatte mit ihr ’noch etwas vor‘. Das konnte ja heiter werden, bei so einer Grundstimmung …

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