Kapitel 4: Trumpfkarte

„Na, fertig?“ Kirika blickte genervt auf und nickte. Corvin hatte sich die ganze Zeit über nicht gesetzt, sondern war nur neben ihr gestanden und hatte sie beobachtet. Was wollte er eigentlich damit erreichen, sich so unerträglich aufzuführen? „Vor der Tür wartet jemand auf dich“, sagte er. „Lass ihn besser nicht noch länger warten.“
Sie stand auf und ging zur Tür. Ein rotes Spielzeugpokémon wanderte ungeduldig den langen, dunklen Gang auf und ab. „Groudon? Bist du das?“, fragte Kirika leise. Das Spielzeugpokémon drehte sich zu ihr um. Es begann, vor Freude rot und orange zu leuchten und seine Form zu verändern und hüpfte auf sie zu. „Ich hab dich auch vermisst, Kumpel“, flüsterte sie, als sie ihren alten Partner endlich wieder im Arm hielt. Wie lange hatte sie ihn schon nicht mehr gesehen, wie oft hatte sie befürchtet, ihn nie wieder sehen zu können, wie sehr hatte sie Angst gehabt, der Finsterkaiser hätte ihm etwas angetan … Doch nun war sie endlich wieder mit ihm vereint. „Aber das ist doch kein Grund zu heulen“, sagte sie mit feuchten Augen, als sie Groudon eine Freudenträne aus dem Auge wischte.
„Genug des rührenden Wiedersehens. Wir haben zu tun“, herrschte Corvin die beiden an. Kirika sah ihn genervt an. Konnte er ihr diesen einen schönen Moment nicht einfach lassen?
„Was hast du eigentlich so Hyperwichtiges mit mir vor?“, fragte sie, während sie Groudon einen Keks fütterte.
„Ist dir noch gar nicht aufgefallen, dass du keine Pokémon mehr hast?“, fragte der Finsterkaiser. „Womit willst du in die Schlacht ziehen?“
„Ich hab Groudon. Mehr brauch ich nicht“, sagte Kirika und deutete Groudon, ihr in die Arme zu springen.
„Wie naiv bist du eigentlich?“, fragte der Finsterkaiser. „Du hast das Pokémon, das vom Drachenlord innerhalb von Sekunden besiegt wurde. Und damit willst du den herausfordern, der den Drachenlord bezwungen hat?“
„Komm zum Punkt. Was hast du vor?“, fragte sie, als sie sich schüttelte und wieder aufrichtete.
„Ich werde dir ein paar meiner Pokémon leihen“, sagte der Finsterkaiser. „Aber du musst beweisen, dass du ihrer würdig bist. Sie warten im hinteren Teil der Burg. Wenn du sie besiegen kannst, gehören sie dir.“
„Dann nichts wie los“, sagte sie. „Ich weiß leider nicht, wie ich am schnellsten in den ‚hinteren Teil der Burg‘ komme. Los, führe mich!“ Er ging ohne ein weiteres Wort voraus. Kirika und Groudon folgten ihm händchenhaltend.
Corvin führte die beiden durch unendlich scheinende, abgesehen von dem Licht, das Groudon ausstrahlte und das sich an den schwarzen, feuchten Mauersteinen spiegelte, stockfinstere Gänge. Kirika hatte schon fast vergessen, wie riesig diese Burg war, in der sie gefangen gehalten wurde. Wie durch ein schwarzes Labyrinth bestehend aus unzähligen Abzweigungen, Gängen, die so eng waren, dass Kirika und Groudon nicht mehr nebeneinander hindurchpassten, Hallen, die so groß waren, dass man dank der spärlichen Beleuchtung das andere Ende nicht sehen konnte, und Treppen, die teils schief und krumm waren und mehrere Stockwerke miteinander verbanden, folgten sie dem Finsterkaiser, stets bedacht, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Immer unebener wurden die Wände und der Boden, Kirika musste aufpassen, dass sie nicht stolperte. Plötzliche Stufen, unerwartete Kurven und auf dem Boden herumliegende Mauersteine sowie die nach innen geneigten Wände erschwerten das Vorankommen und sorgten für ein Gefühl, als wollten die Wände jeden ungebetenen Gast erdrücken, auf ihn hinabstürzen und ihn unter sich begraben.
Was wäre wohl aus ihr geworden, hätte sie versucht zu fliehen? Vermutlich hätte sie sich verlaufen und wäre dann in diesen undurchschaubaren Wegen verloren gewesen. Dass sie einen Weg hinaus gefunden hätte, das war wohl eher auszuschließen. Und wo war Groudon wohl festgehalten worden? Was hatte er wohl all die Zeit über gemacht? Hatte er auch so eine helle, große Zelle wie Kirika? Oder saß er eingeengt auf kleinstem Raum, in Finsternis, ohne eine Möglichkeit, sich überhaupt umzudrehen? Sie sah ihn an. Er zeigte keine Auffälligkeiten, die darauf schließen lassen könnten, dass er etwas Schlimmes oder Verstörendes gesehen hätte. Im Gegenteil, er sah sogar noch fröhlicher aus als gewohnt. Seine roten Augen funkelten und er grinste die ganze Zeit, wenn er neben Kirika her laufen durfte.
„Da sind wir“, sagte Corvin und öffnete eine alt aussehende Holztür. Dahinter befand sich eine riesige Halle. Boden wie Wände bestanden aus großen, grauen Steinplatten, unter der Decke waren in kurzen Abständen Fenster, durch die die ganze Halle beleuchtet wurde. In der Mitte saß ein überdimensioniertes Kryppuk, das von einigen Bronzel und Bronzong umgeben war.
„Das ist alles? Ein Kryppuk?“, fragte Kirika ungläubig.
„Natürlich nicht“, sagte Corvin. „Das ist nur der Anfang. Weiter hinten wartet ein noch stärkeres Pokémon auf dich.“
Aus einem Turm, der direkt vor Kirika stand, sprangen zwei Caesurio sowie eine ganze Horde Gladiantri. „Alles klar, Groudon? Los geht’s!“, sagte sie zu ihrem Partner. „Abgrundsklinge! Mach sie alle!“ Groudon nickte und stürmte auf die Gladiantri zu. Steinerne Dornen bohrten sich aus dem Boden in die Gladiantri und streckten sie nieder.
„Zzzzzzzt!“, machte eines der Caesurio.
„Zzzzzzt!“, machte das andere Caesurio.
„Mach mal kurz ’ne Pause, Groudon“, sagte Kirika und ging auf die beiden Pokémon zu. „Glaubt ihr ernsthaft, ich lasse mich leichter besiegen, wenn ihr schlecht über ein Mii redet, das ich gar nicht kenne?“
Die beiden Caesurio sahen sie irritiert, gar schockiert an. „Zzzzt?“, machte das eine.
„Und wie ich euch verstehe“, sagte Kirika. „Ich bin unter euresgleichen aufgewachsen. Ich kann eure Sprache so gut wie meine eigene.“ Sie wandte sich an das Kontinent-Pokémon hinter ihr. „Mach diese beiden Quatschtüten alle, bevor sie noch mehr Mist von sich geben.“ Groudon tat, wie ihm befohlen und rammte seine steinernen Klingen durch die Stahlpokémon, sodass sie winselnd zu Boden gingen. „Guter Junge“, sagte Kirika und gab ihrem Pokémon einen Keks.
Sie sammelte die besiegten Pokémon auf und näherte sich weiter dem Kryppuk, das in etwas Entfernung von ihr geduldig auf sie wartete, um sich ein Bild vom Schlachtfeld machen zu können. Um das riesige Pokémon herum tänzelten Bronzel und Bronzong.
„Alles klar, Schlachtplan lautet wie folgt“, sagte sie und ließ sieben Gladiantri und die beiden Caesurio frei. „Gladiantri, ihr macht euch mit Finte, Nachthieb oder Tiefschlag an die Bronzel und Bronzong. Jeder einen Gegner, mit denen werdet ihr fertig.“ Die Gladiantri nickten. „Caesurio, Nachthieb oder Eisenschädel gegen Kryppuk.“ Die Caesurio nickten. „Groudon, Abgrundsklinge. Hauptsächlich gegen Kryppuk, aber wenn du merkst, dass eins der Gladiantri Schwierigkeiten bekommt, greifst du auch da ein. Ich verlass mich auf euch, ihr packt das!“ Die Pokémon nickten und stürmten los.
Drei Gladiantri stürmten auf ein Bronzel zu, um ihm gleichzeitig zwei Finten und einen Nachthieb um die nicht vorhandenen Ohren zu hauen. Die Klingen an der Brust von zwei der Gladiantri verfingen sich ineinander, sodass sie sich nicht mehr richtig bewegen konnten. Sie gaben Laute der Verständigung von sich und hüpften dann, immer noch aneinander gefesselt, zum nächsten Bronzel. Es sah aus, als würden sie einen Walzer tanzen, nur ungeschickt … sehr ungeschickt. Das eine Gladiantri holte mit seiner Rechten zu einem Nachthieb aus, während das andere mit seiner Linken eine Finte auszuführen versuchte. Letzteres machte dazu einen plötzlichen Schritt nach hinten, was ersteres Gladiantri aus dem Gleichgewicht brachte, sodass sein Nachthieb das Bronzel um Weiten verfehlte. Es stolperte und landete auf seinem Artgenossen liegend am Boden. Das Bronzel nutzte seine Chance, um Hypnose einzusetzen und die beiden ins Reich der Träume zu schicken.
Zwei andere Gladiantri rannten aus verschiedenen Richtungen zu einem Bronzong. Das eine setzte seinen Tiefschlag ein, der das Bronzong so ins Taumeln brachte, dass es auf das andere Gladiantri, das gerade zu einem Nachthieb ansetzte, umfiel und dieses sich nicht mehr bewegen konnte. Das erste Gladiantri versuchte, das Bronzong mit weiteren Tiefschlägen wieder von seinem Artgenossen hinunterzuboxen, doch dieses wurde kampfunfähig und blieb genau dort liegen, wo es hingefallen war.
Die beiden verbleibenden Gladiantri hüpften auf zwei verschiedene Bronzel zu. Mit fast synchronen Tiefschlägen ließen sie die beiden Münzen gegeneinanderknallen, sodass sie kampfunfähig zu Boden gingen. Sie hüpften weiter über das Kampffeld zu einem Bronzong, das sie mit ebenfalls synchronen Tiefschlägen trafen und direkt besiegten. Dann beeilten sie sich, den anderen Gladiantri, die offenbar Schwierigkeiten hatten, ihre Feinde abzunehmen.
Kirika beobachtete das Geschehen. Ihr fehlten die Worte, sie wusste nicht, welche Befehle sie den Gladiantri noch geben sollte. Was war das, was die da abzogen? In einem Fermiculahaufen herrschte mehr Ordnung als unter diesen sonst doch so organisiert auftretenden Pokémon. Sie legte sich eine Hand an die Stirn und schüttelte den Kopf. Das war doch nicht mitanzusehen. Corvin stand ein paar Schritte hinter ihr. Sie hörte, wie er andauernd vergeblich versuchte, sich das Lachen zu verkneifen. Das hatte er doch bestimmt mit Absicht gemacht!
Die beiden Caesurio nahmen sich zusammen mit Groudon das große Kryppuk vor. Ihre Attacken waren stark und sie selbst hatten einen ziemlich hohen Rang, aber Kryppuk war mächtig und trotzte den Angreifern. Seine Unheilböen ergriffen die beiden Caesurio und verletzten sie stark, auch wenn sie nicht besonders effektiv waren. Nach den dritten Unheilböen waren beide Caesurio so erschöpft, dass sie sich aus dem Kampf zurückziehen wollten, doch Kryppuk feuerte gleich seine Finsteraura hinterher, sodass die beiden zu Boden gingen und auch Groudon schwer verletzt wurde.
Eigentlich fehlte nicht mehr viel, um das sphärenartige Pokémon zu besiegen, doch Groudon allein hatte kaum eine Chance, es noch rechtzeitig zu besiegen, bevor es sich unantastbar machte, und danach würde es wieder Unheilböen einsetzen, dann wäre es gefährlich, es anzugreifen. Groudon gab alles, was er hatte, doch die Zeit rannte ihm davon. Gerade, als er dachte, es sei zu spät, hüpften zwei Gladiantri auf das Kryppuk zu und stießen es mit zwei perfekt synchronen Tiefschlägen zu Boden. Kryppuk schrumpfte auf normale Spielzeugpokémongröße und blieb liegen.
Wortlos sammelte Kirika alle besiegten Pokémon auf. Dann wandte sie sich an die Gladiantri. Sie hob ihre Hand und holte Luft etwas zu sagen, doch sie ließ ihre Hand wieder sinken und schüttelte nur den Kopf. „Nehmt euch mal ein Beispiel an den beiden“, sagte sie nur und deutete auf die beiden Gladiantri, die die perfekt abgestimmten Tiefschläge eingesetzt hatten. „Wenn ihr so kämpft wie gerade eben, dann stirbt unser Gegner höchstens vor Lachen.“
„Bereit für das stärkste Pokémon, das ich dir leihen werde?“, fragte Corvin, als er neben Kirika trat und ihren Vortrag unterbrach.
„Natürlich“, sagte sie. „Ich kann’s kaum erwarten.“

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Fröhlich verließ Keksi zusammen mit ihren neuen Pokémon die Ballonstation. „Jetzt zeige ich euch, wo ihr übernachten dürft“, sagte sie und schlich sich am Schloss vorbei in den Garten. Der Duft von frischem Plastikgras und von blühenden Stoffblumen strömte ihnen entgegen. Die Prinzessin verband diesen Duft schon immer mit ihrer Heimat. „Rotom und die anderen kennen sich hier aus. Sie werden euch zeigen, wo ihr schlafen und etwas zu Essen finden könnt.“ Sie lächelte. „Ich bin mir sicher, ihr werdet euch hier sehr schnell wohlfühlen.“
Rotom stupste seine Trainerin an. „Ja, was ist denn?“ Der Rasenmäher deutete auf ein Stück Gras unter dem Fenster des Schlafzimmers der Prinzessin, wo sich nichts weiter Auffälliges befand. „Was ist damit, Rotom?“, fragte sie und sah ihr Pokémon an. Sie ging einen Schritt zurück und riss die Augen auf. „Ach, verdammt!“ Ihr wurde langsam klar, was Rotom ihr zeigen wollte. „M-meinst du, Vater hat das –? Aber das würde ja heißen, er –“
„Keksi!“ Die Prinzessin musste sich gar nicht erst umdrehen, um zu wissen, dass es ihr Vater war, der hinter ihr stand. „Töchterlein, jetzt hast du Ärger am Hals!“
„Aber Vater, ich wollte doch nur –“ Sie drehte sich zu ihm um.
„Ruhe! Wir wollen keine Ausreden hören! Du hast Hausarrest! Und da du es in deinem Zimmer anscheinend nicht mehr schön genug findest, haben Wir einen ganz besonderen Ort für dich vorbereitet!“ Er kam auf Keksi zu und packte sie am Handgelenk. Was hatte er vor? Wohin wollte er sie bringen? Sie kannte jeden Raum des Schlosses, keiner wäre für Hausarrest wirklich geeignet. Es sei denn, er wollte … Aber nein, das war unmöglich. So etwas würde er seiner Tochter nicht antun.
Sie folgte ihm ohne Widerrede, sie wusste, dass es nichts bringen würde. Der König zerrte sie an den Wachen, die ihnen verwirrt hinterherschauten, vorbei, den langen, hell erleuchteten Gang entlang bis zu den Treppen. Ihrer Gewohnheit folgend wollte Keksi die rechte Treppe, die unter anderem zu ihrem Zimmer führte, nehmen, doch der König zog nach links. Dieser Weg führte eigentlich nur an einen Ort, aber das konnte ihr Vater doch nicht wirklich tun, oder?
„Vater, wohin bringt Ihr mich?“, fragte Keksi leise. Nicht, dass sie nicht wusste, wohin diese lange, düstere Treppe führte. Aber sie traute es ihrem Vater einfach nicht zu. Sie wollte es nicht wahrhaben.
„Das wirst du gleich sehen“, antwortete ihr Vater kalt. Keksi zitterte. Der König führte sie gerade in den Teil des Schlosses, vor dem sie sich schon immer gefürchtet hatte. Hier war von der schönen Einrichtung, von den wertvollen Möbeln und kostbaren Tapeten nichts mehr zu sehen. Dies war wie ein Loch, geschlagen in den Stein, auf dem das Schloss erbaut war. Die Wände bestanden einzig aus dem kalten, nackten Mauerstein. Obwohl es eigentlich unmöglich war, hatte man hier andauernd das Gefühl, dass ein leichter, kalter Wind durch das Gewölbe pfiff.
Der König schleppte seine Tochter zu einer kleinen Zelle und stieß sie hinein. „Hier kannst du darüber nachdenken, was du getan hast.“ Er verriegelte die Gittertür und verschwand wieder.
Keksi sah sich um. Hinter ihr nur Mauerstein, links von ihr nur Mauerstein, rechts von ihr Gitterstäbe … und irgendein Gefangener? In einem zerrissenen, violetten Anzug saß dort tatsächlich ein Mii. Ob sie diesen Gefangenen wohl kannte? Sie konnte ihn nicht richtig erkennen. Er trug einen Hut, der sein Gesicht verdeckte. Sie trat an die Stäbe heran. „Hallo?“, fragte sie vorsichtig. Zwei nussbraune Augen blitzten ihr entgegen, als der Fremde aufblickte.
„Oh, es ist die Prinzessin“, sagte ihr Mitgefangener, stand auf und kam näher zu ihr. Keksi spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Es war Kenneth, der Meisterdieb, dieser süße Meisterdieb, Schwarm aller Mädchen … Es war solch eine Schande, dass der Gute hier festsaß. Als er noch seine Kreise zog, konnte man ihn wenigstens fast wöchentlich in der Zeitung bestaunen, aber jetzt … Sie hatte ihn schon immer mehr bewundert als gefürchtet, aber ihr Vater und Kirika waren geradezu darauf versessen gewesen, ihn zu fassen und wegzusperren.
„Womit habe ich mir diese Ehre verdient?“, fragte der Meisterdieb. Er nahm seinen Zylinder ab, um den Staub von ihm zu fegen. Sein braunes Haar war so ordentlich wie immer zur Seite gekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden. Selbst, wenn er weggesperrt war, sah er noch gut aus.
„Äh, i-ich, äh“, stotterte Keksi und wurde noch röter. „Ich habe Hausarrest.“ Sie kam sich leicht lächerlich vor, gar wie ein kleines Kind.
„Du hast Hausarrest? Hier im Kerker?“, lachte der Meisterdieb.
„Ja, ich, äh, ich hatte vorher schon Hausarrest, aber ich hab mich davongeschlichen“, stotterte Keksi. Sie hatte das Gefühl, so langsam die Farbe eines Grillmak erreicht zu haben. „Ich, äh, wollte ein paar Pokémon fangen.“
Kenneth sah sie irritiert an. „Und was ist daran jetzt so schlimm?“
„Tja, das versteht wohl keiner so recht.“ Keksi sah zu Boden. „Mein Vater meint, das ist zu gefährlich für mich. Aber wenn ich mich dem Finsterkaiser nicht in den Weg stelle, dann tut das keiner …“
„Warte, der Finsterkaiser?“ Der Meisterdieb war nun komplett verwirrt.
„Ja, der Finsterkaiser“, erklärte Keksi. „Ich habe einen Angriff von ihm verhindert, aber ich bin mir sicher, er wird bald wieder angreifen, und dann will ich meine Heimat verteidigen. Dafür habe ich Pokémon gebraucht.“
„Dieser Corvin“, murmelte der Meisterdieb. Er umklammerte die Gitterstäbe und blickte Keksi tief in die Augen. In den seinen loderte die pure Wut. „Ich habe noch eine Rechnung mit ihm offen. Falls du etwas Hilfe gegen ihn gebrauchen kannst — auf mich kannst du zählen!“
Keksi wich einen halben Schritt zurück und nickte. Ihr wurde noch wärmer. Sie dürfte zusammen mit Kenneth kämpfen … Nach all den Drachenlords, Entführungen und Hausarresten war das doch bestimmt die erfreulichste Nachricht des Tages. Doch wie sollte sie das anstellen? Sie wusste noch nicht einmal, wie sie selbst von diesem Ort fliehen sollte. Wie sollte sie da sich selbst und einen Meisterdieb von diesem Ort retten?
„Keine Angst, es wird alles gut“, sagte der Meisterdieb ganz ruhig. „Wir haben doch bestimmt auch Kirika auf unserer Seite, oder?“
„Nein, eben nicht“, sagte Keksi. In ihren Augen sammelten sich Tränen an. „Der Finsterkaiser hat sie entführt.“ Sie schluchzte. „Am Ende müssen wir noch gegen sie kämpfen …“
„Shh, ganz ruhig, Prinzessin. Nicht weinen“, sagte der Meisterdieb. „Wir stehen das durch. Danach wird alles wieder gut.“
Die Prinzessin nickte, auch, wenn sie seine Zuversicht nicht teilen konnte. Zu sehr hatte sie Angst vor dem, was auf sie zukommen würde. Aber dass sie mit Kenneth nun einen nicht zu unterschätzenden Verbündeten hatte, das stimmte sie immerhin etwas optimistischer.
Die beiden hörten lautes Getrampel im Gang und sahen in die Richtung, aus der es kam. Es war Prinz Blackfox, der einen Schlüssel in der Hand hielt. Vor Keksis Zelle blieb er stehen.
„Yo, Keksi, ich hab Vater überredet!“, verkündete er laut, bis er die Tränen im Gesicht seiner Schwester sah. „Ey, du hast geweint?“ Er sah den Meisterdieb, der auf der anderen Seite der Gitterwand neben ihr stand. „Ey, wenn du meiner Schwester was angetan hast, dann kriegst du voll krass auf die Fresse, ist dir klar, Mann!“ Kenneth sah ihn irritiert an. Er verstand kaum ein Wort von dem, was der Prinz redete. Außerdem hatte er eine seltsame Frisur, mit der er definitiv nicht ernstzunehmen war. Ob das irgendein neuer Trend war?
„Blackfox, beruhige dich“, sagte Keksi. „Er hat mir nichts getan. Er ist doch total nett.“ Sie wurde wieder rot.
„Der und nett?“, fragte der Prinz. „Ey, du weißt schon, dass der hier gefangen sitzt? Und das bestimmt nicht ohne voll krassen Grund, ne?“ Er sah den Meisterdieb weiterhin misstrauisch an, als er die Tür zu Keksis Zelle aufschloss.
„Der Bengel sollte mal lernen, sich zu artikulieren“, murmelte Kenneth. Keksi kicherte. Sie stand auf und folgte ihrem Bruder. Bevor sie den Kerker verließen, winkte sie dem Meisterdieb noch einmal.
„Also yo, ich hab Vater überredet, dass er dein Hausarrest aufhebt“, erklärte Blackfox. „Aber du musst halt in der Nähe vom Schloss bleiben. Der macht sich sonst voll krass die Sorgen um dich.“
„Ist schon gut. Danke, Bruderherz“, sagte Keksi und lächelte ihn an. So musste sie sich wenigstens keine Sorgen mehr darüber machen, wie sie entkommen könnte, sollte sie dem Finsterkaiser tatsächlich gegenüberstehen. Und vielleicht könnte sie ja sogar mit ihrem Vater darüber reden. Sie stünde auch nicht mehr alleine auf dem Schlachtfeld, was sich vielleicht als ein Argument für sie eignen könnte. Darauf hoffen konnte sie immerhin.

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Kirikas Augen begannen zu glänzen, als sie zusammen mit Corvin in eine Art Innenhof der Burg trat. Inmitten des dunkel gepflasterten Platzes, der nur vom Licht des fast vollen Mondes und der Sterne beschienen wurde und von exotisch aussehenden Bäumen umgeben war, saß ein riesiges Pokémon. Ein Vogel mit dunkelroten Schwingen, an deren Enden spitze, schwarze Klauen saßen und auf denen schwarze Adern verliefen, mit einer silbergrauen Halskrause, die zottelig abstand, mit einem schwarz-roten Kopf, aus dem sichelförmige Hörner wuchsen und leuchtenden, cyanblauen Augen, die sie kampfgierig anfunkelten.
„Ein Yveltal?“, fragte Kirika. „Du leihst mir ein Yveltal?“ Sie liebte diese Pokémon, doch sie selbst hatte viel zu wenige Exemplare dieser Art tatsächlich jemals gesehen.
„Sei gut zu ihr“, sagte Corvin. „Sie ist nicht mehr die Jüngste.“
Kirika nickte. Sie ging ein paar Schritte näher, um die Pokémon, die sich um Yveltal herum befanden, erkennen zu können. Es waren mehrere Despotar und Golgantes, die bisher noch ganz ruhig dastanden und auf ihren Einsatz warteten. Kirika ließ zwei Gladiantri, die beiden Caesurio, das Kryppuk und drei Bronzong frei.
„Schlachtplan für heute“, begann sie, „Gladiantri, ihr zeigt mir wieder eure nette kleine Tanzeinlage. Tiefschlag gegen Golgantes. Kryppuk, du nimmst dir mit Unheilböen ebenfalls die Golgantes vor. Aber kommt euch nicht in die Quere!“ Die Pokémon nickten und sprachen sich untereinander ab. „Caesurio, Eisenschädel gegen die Despotar. Bronzong, Lichtkanone gegen Yveltal. Sorgt dafür, dass es sich nicht mehr richtig verteidigen kann! Und Groudon, du streckst es mit Steinkante nieder.“ Die Pokémon sprachen sich noch einmal ab, dann deuteten sie Kirika, dass sie bereit waren. „Alles klar. Dann ab in den Kampf!“
Die beiden Gladiantri stürmten los. Zwei perfekt aufeinander abgestimmte Tiefschläge streckten das erste Golgantes problemlos nieder. Sie nickten einander zu und nahmen sich direkt den nächsten Gegner vor.
Kryppuk schwebte gemütlich aufs Kampffeld, auf das Golgantes, das von den beiden Gladiantri am weitesten entfernt war, zu. Es tänzelte einmal um seinen Gegner herum und landete von hinten einen Volltreffer mit seinen Unheilböen. Es griff ein weiteres Mal an, noch bevor der Gegner sich wieder fangen konnte, und streckte ihn so nieder. Zufrieden lächelnd schwebte es dem nächsten Golgantes entgegen.
Die beiden Caesurio rannten auf je ein Despotar zu und bearbeiteten diese so lange mit ihren eisernen Schädeln, bis sie in die Knie gingen. Dann nahmen sie sich direkt die nächsten Despotar vor.
Die drei Bronzong umzingelten das Yveltal und schossen ihm aus allen Richtungen Lichtkanonen entgegen. Es konterte schnell mit seinen Unheilsschwingen und absorbierte einige KP der angreifendenden Pokémon, die sich allerdings nicht aus der Ruhe bringen ließen und den großen Vogel weiterhin beschossen. Dieser war von den hell leuchtenden Plasmakugeln bald so geblendet, dass er sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte und unaufmerksam und verwundbar wurde. Groudon stampfte Steine aus dem Boden, die den riesigen Unlichtvogel von unten durchbohrten. Er schrie auf und feuerte seine Finsteraura ab, die alle drei Bronzong mit einem Schlag besiegte und auch Groudon schwer zusetzte, der sich aber nicht davon abbringen ließ, weiterhin seine Steine durch das Yveltal zu bohren.
Dieses fing an, Kraft zu speichern und machte sich unantastbar. Mit einem Mal entlud es alles, was Groudon wegschleuderte und ins Taumeln brachte. Yveltal feuerte erneut seine Unheilsschwingen ab. Groudon taumelte, er konnte nicht ausweichen, also traf ihn die Attacke mit voller Wucht. Er fing sich wieder, doch ihm war klar, dass er keinen einzigen Treffer mehr riskieren durfte. Er versuchte stets, sich hinter dem Rücken des Gegners aufzuhalten, um so seinen Angriffen ausweichen und seine eigenen abfeuern zu können. Doch er wusste auch: Wenn die Finsteraura kam, bevor er den Gegner besiegen konnte, dann hatte er versagt. Yveltal lud seine Unlichtattacke auf. Groudon merkte es, doch er gab nicht auf. Er stieß Steinkante um Steinkante in das Plastikfleisch des Gegners. Yveltal brüllte laut, als es seine Finsteraura entlud. Groudon schrie, als er seine letzte Steinkante abfeuerte. Fast gleichzeitig fielen die beiden Kontrahenten zu Boden.
Kirika lächelte zufrieden, als sie alle besiegten Pokémon vom Schlachtfeld aufsammelte. „Darauf können wir doch aufbauen, so will ich euch auch morgen kämpfen sehen“, sagte sie und verstaute all ihre neuen Pokémon so, dass sie jederzeit kampfbereit waren. Groudon gab sie einen Trank, sodass er sich wieder erholen konnte.
„Nette Vorstellung, das muss man dir lassen“, sagte Corvin und grinste sie an. Stolz grinste sie zurück. „Ich muss dir noch etwas über dein Groudon sagen.“ Groudon? Was war mit ihm? Er sah doch ganz normal aus und gut gekämpft hatte er auch. Er wollte ihr doch nicht etwa sagen, dass sie ihn morgen nicht einzusetzen hatte? Da würde sie aber meutern. Ihr treustes Pokémon hatte mit ihr in jede Schlacht zu ziehen, egal, was passierte.
„Ich habe es ein bisschen modifiziert“, fuhr Corvin fort. „Es ist nun wieder in der Lage, sich auf seine ursprüngliche Größe aufzubauen. So wird es dir morgen bestimmt nützlich sein.“
Kirika sah Groudon an. War das der Grund, warum er die ganze Zeit über so fröhlich war und gegrinst hatte? Seine neuen Kräfte? Sie lächelte. Es war wirklich schön zu wissen, dass es ihrem Partner so gut ging. „Danke“, sagte sie.
„Nichts zu danken. Im Endeffekt helfe ich doch nur mir selbst“, lachte er. Kirika ließ das so stehen. Woher sollte er auch wissen, was sie tatsächlich gemeint hatte?
Er legte ihr seine Hand auf die Schulter und lächelte sie an. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen, ihr wurde mit einem Mal warm, so wundervoll warm. Sie fühlte sich in diesem Moment so sicher, sie hatte das Gefühl, mit ihm gemeinsam die Welt einnehmen zu können. Sie fühlte sich so glücklich wie noch nie in ihrem gesamten Leben, als sie ihm einfach nur wortlos gegenüberstand und ihn ansah. Seine langen, schwarzen Haare glänzten im Mondlicht silbrig und in seinen mamutelbraunen Augen lag eine Wärme, wie sie sie bei ihm noch nie erfahren hatte.
Am liebsten hätte sie ihn in diesem Moment noch näher gespürt, umarmt, geküsst, doch irgendetwas hielt sie zurück. Es war wie eine unsichtbare Kraft, eine unsinnige Angst, die sie davon abhielt. Nicht, als hätte sie etwas verlieren können, hätte sie es getan. Vielmehr hätte sie dadurch doch nur etwas gewonnen. Dennoch stand sie ihm nur gegenüber und fühlte sich ihm doch so nahe wie noch nie.
„Wir brauchen noch einen Schlachtplan für morgen“, sagte er schließlich.
Kirika brauchte einen Moment, um die Bedeutung seiner Worte zu verarbeiten. „Ich wüsste sogar schon etwas“, sagte sie fast flüsternd, immer noch vom Moment eingenommen.
„Ach ja? Dann lass mal schön hören.“

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