Corvin packte die Wache vor Neros Schloss am Kragen. „Bring mich zum König! Sofort!“
Der ältere Mann zitterte. „W-was wollt ihr?“, fragte er.
Der Finsterkaiser sah ihn eindringlich an. „Die Stadt vom Tyrannen befreien.“
„Das sollst du am Kreuze bereuen!“, entfuhr es dem Mann. Für einen Moment verschlug es Corvin die Sprache, dann lachte er.
„Gut geantwortet, mein Freund“, sagte er. Er griff noch einmal fester zu. „Worauf wartest du? Bring mich zum König! Oder muss Yveltal dich erst überzeugen?“ Er griff nach der Vorrichtung, in der er seine Pokémon lagerte.
„N-nein, tut mir nichts“, wimmerte die Wache und ließ den Finsterkaiser und die Finsterbraut in das Schloss.
„Den Alten brauchen wir nicht“, sagte Kirika. „Ich kenn mich hier gut genug aus.“ Corvin ließ die Wache los und folgte seiner Kampfpartnerin. Diese fühlte sich bei der Sache nicht ganz wohl. Sie war gerade dabei, dem Mann, der sein Pokémon auf ihre beste Freundin gehetzt hatte, zu noch mehr Macht zu verhelfen. Aber es musste sein, sie musste sich ihm gegenüber loyal verhalten. Nur so bestand die Chance, dass sie wenigstens etwas zu sagen hätte und verhindern könnte, dass er das Land ins Chaos stürzte, und wenn nicht, hätte sie zumindest einen Einblick in die Dinge, die er plante und könnte gegebenenfalls rechtzeitig etwas dagegen unternehmen.
Sie sah ihn an, als sie ihn durch die große Eingangshalle führte. Er bestaunte offensichtlich die teure Einrichtung, die kostbaren Tapeten und die mit Gold verzierten Decken. Dieses Schloss war aber auch wirklich das Gegenteil von seiner dunklen, aus einem einzigen Labyrinth bestehenden Festung. Es musste für jeden, der noch nie hier war, wirklich eindrucksvoll sein. Für sie selbst war es nun wirklich nichts Besonderes mehr, sie war jeden Tag hier gewesen, um Nero seine Drecksarbeit abzunehmen. Der Gedanke, dass dies nun nie wieder der Fall sein würde, war seltsam. Vier Jahre lang hatte sie für den König gearbeitet. Und jetzt war es auf einmal vorbei? Jetzt sollte sie auf einmal an die Stelle des Königs treten und das Land regieren? Wenn sie es denn durfte, wenn Corvin es erlaubte. Er war unberechenbar. Sie hatte keine Ahnung, was sie zu erwarten hatte, wenn sie ihn erst zum König geführt hatte. Ob er sie überhaupt noch länger brauchen würde? Was, wenn er sie wegsperrte, weil sie eine potenzielle Gefahr für ihn und seine Herrschaft darstellte? Was, wenn er sie gar vernichtete?
Ihr Blick wanderte sein abgenutztes Finsterkaiser-Gewand entlang und wieder zurück zu seinem Gesicht. Warum fand sie ihn immer noch so enorm attraktiv? Nach alledem, was er getan hatte, wollte sie eigentlich nichts mehr als ihn zu verabscheuen, ihn zu verachten. Doch wenn sie ihn ansah, fühlte sie sich ihm so nahe, so verbunden. Warum nur? Was war nur falsch mit ihr?
Sein Blick traf ihren. „Was ist los?“, fragte er.
„N-nichts“, stotterte Kirika und sah wieder auf den Weg. „Da sind wir“, sagte sie, als sie vor einer großen Tür stehen blieb. „Dahinter sollte Nero sein.“
„Sehr schön“, sage Corvin und grinste zufrieden. Mit einem kräftigen Tritt öffnete er die Tür. Am anderen Ende des Raumes saß tatsächlich Nero auf einem gemütlichen Sessel, vor ihm sein Pikachu, neben ihm sein Sohn. Der überraschte Blick in seinen Augen wich schnell einem traurigen, denn er wusste genau, was dies bedeutete.
„Wir haben deine Tochter besiegt. Du kannst dich nicht mehr verteidigen. Dein Thron“, ein Ausdruck der puren Befriedigung schlich sich auf Corvins Gesicht, „gehört nun mir.“ Mit einer schnellen Bewegung ließ er Yveltal frei, die nun neben ihm schwebte.
Nero sah, dass er verloren hatte. Er konnte wohl kaum versuchen, mit Pikachu gegen den Finsterkaiser zu kämpfen, und all seine guten Abenteurer waren im Urlaub. Er stand auf, packte seinen Sohn und ging an Corvin vorbei, verließ langsam und traurig sein eigenes Schloss.
„Ihr sollt diesen Tag noch bereuen“, zischte er, als er zum Haupttor hinaustrat. Corvin sah sich in dem Raum um, in dem er nun stand. Die Wände, die Decke, die Möbel, alles war in einem penetranten Giftgrün gehalten.
„Keinen Geschmack für Farben hat der Gute“, murmelte er. Kirika lachte.
„Ich hab hier Nächte verbracht“, sagte sie und sah sich ebenfalls um. Alles hier war ihr so vertraut, und doch war es komplett anders. Das Schloss wirkte tot ohne die Königsfamilie. „Was hast du eigentlich damit vor?“, fragte sie. „Also mit dem Schloss.“
„Keine Ahnung“, sagte er. „Einziehen bestimmt nicht.“ Er lachte. Wenn der König überall so einen wundervollen Geschmack bewies, dann war dies definitiv nicht der Ort, an dem er sich länger als nötig aufhalten wollte.
„Kann dann Keksi hier bleiben?“, fragte Kirika und sah den Finsterkaiser groß an. Sie wollte nicht, dass ihre Freundin auf der Straße leben müsste. Er zuckte mit den Schultern. Anscheinend war es ihm wirklich egal, was mit dem Schloss passierte.
„Du, sag mal“, redete Kirika weiter. Er sah sie nur an. Er schien im Moment nicht besonders redselig. „Was meintest du damit, als du Floette als dein Pokémon bezeichnet hast? Es hat doch ganz offensichtlich für Keksi gekämpft.“ Sein Blick wurde einen Moment lang starr und leer.
„Sie hat mich erst zu dem gemacht, was ich bin“, sagte er emotionslos. Sie verstand nicht und sah ihn fragend an. „Na gut“, sagte er. „Geschichtenstunde.“ Er setzte sich auf den kreischend grünen Sessel. „Meine Eltern haben meine Pokémon gehasst. Sie meinten immer, die wären kein Umgang für mich, die wären keine ‚echten Freunde‘. Dabei waren sie meine einzigen Freunde.“ Er sah zur Seite. Es war ihm wohl sichtlich unwohl dabei, so über seine Vergangenheit zu sprechen. „Meine liebste Freundin war ein Simsala. Sie lehrte mich auch die Grundlagen der Magie.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen, als er eine kleine Flamme aus seiner Hand emporsteigen ließ. „Meine Eltern suchten verzweifelt nach Gründen, uns beide zu trennen. Und eines Tages … eines Tages bot ich sie ihnen.“
Er senkte seinen Blick zu Boden und fixierte einen Punkt an. „Ich war zwölf, es war Winter, ich hatte versucht, von zu Hause wegzurennen, doch unterwegs fand ich sie. Ein kleines, zitterndes Floette mit einer reinen, weißen Blüte. Sie war scheu, doch ich nahm sie mit, ich wollte sie retten. Ich hatte sie nur kurz bei mir, doch sie wuchs mir so sehr ans Herz. Aber es war zu spät. Ich konnte sie nicht retten.“ Er sah sich gehetzt um, als würde ihn etwas verfolgen, als würde ihn etwas beobachten. „Ich nutzte einen jener Zauber, die Simsala mir immer verboten hatte. Er erweckte die kleine Fee zu einem neuen, ewigen Leben. Ihre Blume wurde schwarz und rot und sie wurde zu dem Pokémon, das du dort auf dem Schlachtfeld sehen durftest.“
Er richtete seinen Blick in die Höhe und starrte die Decke an. Kirika glaubte, in seinen Augen Tränen funkeln zu sehen. „Es war so ein großer Fehler. Ich habe die kleine Fee auf ewig verflucht. Ich wusste doch nicht, was ich tat … Im Gegensatz zu ihr. Sie floh vor mir. Und ich war so traurig.“ Er kniff seine Augen zusammen und schüttelte den Kopf. „Für meine Eltern war das Grund genug, mir die Pokémon für immer wegzunehmen. An einem Abend habe ich mitbekommen, dass sie besprachen, wie sie Simsala am einfachsten loswerden konnten.“ Sein Blick wurde erneut leer. „In dieser Nacht habe ich meine Eltern zum letzten Mal gesehen. Ich ging nie wieder dorthin zurück.“
Kirika sah ihn fassungslos an. Sie wusste nicht, wozu seine Magie fähig war. Sie wusste gar nichts über ihn. Er war gefährlich. „Bereust du es denn?“, fragte sie vorsichtig. „Also, dass du weggelaufen bist.“
Er sah ihr ernst in die Augen und stand wieder auf. „Nein. Nicht einen Moment“, sagte er. „Es war ein Gefängnis. Ich konnte dort nicht glücklich werden.“
„Glücklich?“, fragte Kirika geistesabwesend. Wie es wohl Keksi gerade ging? Was sie wohl machte? War sie immer noch dort? „Bist du denn glücklich?“
Corvin sagte nichts. Er sah sie nur mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte, an. Sie wusste nicht, was er dachte, aber sie wusste, dass sie sich in seiner Nähe auf einmal sehr unwohl fühlte. Langsam entfernte sie sich aus dem Schloss. Sie hatte jetzt sowieso Wichtigeres zu tun. Aber diese Geschichte mit Floette … sie ließ sie nicht los. Er hatte die Macht über Leben und Tod. Gab es denn irgendetwas, was ihm trotz seiner Magie unmöglich war?

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„Keksi? Bist du noch da?“
Die Prinzessin blickte auf. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, jetzt diese Stimme zu hören. Und wie sehr hatte sie gefürchtet, jetzt diese Stimme zu hören. Sie hatte sie verraten. Warum um alles in Resharps Namen kam sie jetzt hierher zurück? Um über diese Niederlage zu lachen? Um sie davonzuscheuchen, um sie für immer aus ihrer Heimat zu vertreiben? Um sie noch mehr zu verletzen, als es alle Yveltals der Welt je könnten?
„Kirika“, flüsterte sie kaum hörbar. Die Finsterbraut, wie sie sich selbst nannte, kam näher. Keksi blieb am Boden sitzen, streichelte dem besiegten Floette über den Kopf.
„Keksi“, sagte Kirika. „Keksi, ich …“ Sie sah ihre Freundin auf dem Boden sitzen, ihr Gesicht von ihr abgewandt. Sie kniete sich zu ihr und nahm sie in den Arm, doch die Prinzessin schob sie unsanft von sich.
„Keksi, es tut mir leid“, sagte sie leise. Die Prinzessin drehte ihren Kopf und sah sie an. Ihre Augen waren gerötet, ihr Gesicht war verkrustet von Tränen.
„Das hättest du dir früher überlegen können“, schluchzte die Prinzessin mit dünner Stimme. Es fiel ihr schwer, auch nur ein Wort hervorzubringen.
„Ich weiß, es war ein Fehler. Bitte, vergib mir“, sagte Kirika. Wie konnte sie es nur so weit kommen lassen? Warum hatte sie nicht früher kapiert, was los war?
„Warum hast du mich dann sitzen lassen?“, schluchzte Keksi. „Warum bist du nicht bei mir geblieben, als ich dich gebraucht habe?“ Sie hustete. Ihr ganzer Körper schmerzte so sehr, dass es ihr erneut Tränen in die Augen trieb.
„Ich musste, Keksi“, sagte Kirika. Ihre Freundin sah sie mit einer Mischung aus Wut und Trauer an. „Keksi, nur so ist es möglich, dass ich Einfluss darauf nehme, was er tut.“
Die Prinzessin sagte einen Moment lang nichts. Sie verstand, was Kirika meinte. Trotzdem tat es so weh, sitzen gelassen zu werden. „Und was soll ich jetzt tun? Wo soll ich jetzt wohnen?“, fragte sie.
„Im Schloss“, lachte Kirika. „Corvin will es nicht. Ist ihm zu grün.“ Keksi musste ebenfalls lachen. Sie liebte es, wie leicht ihre Freundin sie immer wieder aufmuntern konnte. Sie hatte wirklich ein Talent dafür. Wenn sie es nutzte.
„Versprichst du mir, dass du so etwas nie wieder machst?“, fragte Keksi und sah ihre Freundin hoffnungsvoll an. Sie nickte.
„Kommst du mit zurück? Wir müssen uns doch um deine Pokémon kümmern“, sagte Kirika und stand auf. Keksi nickte und stand ebenfalls auf. Sie nahm ihre Freundin in den Arm.
„Ich hab dich lieb, Kirika“, flüsterte sie. „Ich bin so froh, dass du wieder du selbst bist.“ Kirika hielt sie ebenfalls fest. Sie war erleichtert, dass ihre Freundin ihr vergeben hatte. Hoffentlich konnte alles wieder ein bisschen mehr so werden wie früher. Abgesehen von den Machtverhältnissen natürlich.
„Schickes Outfit übrigens“, sagte Keksi und lächelte. Kirika hatte sich eine Punkerjacke angezogen, außerdem trug sie eine kristallene Krone, rote Schuhe mit Y-Muster und schwarze Handschuhe und trug Neros Zepter bei sich. Es stand ihr wirklich gut und es war eine nette Abwechslung zu dem Outfit, das sie die letzten Monate getragen hatte. Keksi hatte noch nie so darüber nachgedacht, aber sie fand ihre Freundin ziemlich hübsch. Sie war keine klassische Schönheit und die meisten fanden sie eher seltsam, aber wenn man es hinbekam, sie zum Lächeln zu bringen, dann … Kirika nahm sie bei der Hand. Keksis Wangen liefen rot an. Es war fast, als hätte ihre Freundin ihre Gedanken gelesen und als würde sie das nun mit Absicht machen.
„Das ist doch kein Grund, rot zu werden“, sagte Kirika und grinste, was aber nur zur Folge hatte, dass die Röte Keksis ganzes Gesicht einnahm und sie sich an ihre Schulter schmiegte. Was war nur los mit ihr, dass sie sich auf einmal so zu dieser selbsternannten Finsterbraut hingezogen fühlte? Finsterbraut … Warum eigentlich nicht Keksbraut? Wäre doch viel schöner und friedlicher. Keksi schreckte vor sich selbst zurück. Hatte sie das gerade wirklich so gedacht? Aber sie konnte doch nicht … Sie sah ihre Freundin an, die sie immer noch nur stumm beobachtete und anlächelte. Warum eigentlich nicht …?
„Kommst du jetzt?“, fragte Kirika und wollte losgehen. Die Prinzessin versuchte, ihr zu folgen, doch das Gehen fiel ihr sichtlich schwer. Vom Kampf war sie immer noch verletzt, sodass fast jede Bewegung schmerzte. „Soll ich dich tragen?“, fragte Kirika.
Keksi sah sie verdutzt an. „Das meinst du nicht ernst.“
„Warum nicht?“, fragte Kirika und grinste breit. „Ich kann doch nicht verantworten, dass es meinem Keksilein nicht gut geht.“
Die Prinzessin schüttelte mit demselben irritierten Gesichtsausdruck den Kopf. „Nein. Ich krieg das schon hin.“ War das wirklich ihr Ernst? Sie tragen? Nicht, dass sie es nicht extrem süß fand, aber das konnte sie ihrer Freundin nun wirklich nicht zumuten. Sie war nicht unbedingt leicht und bestimmt roch sie auch nicht mehr besonders gut. Schritt für Schritt kämpfte sie sich vorwärts. Es fiel ihr nicht leicht, doch sie wollte keine Schwäche zeigen.
„Bist du dir sicher?“ Keksi nickte. Sie wollte auch einmal so stark sein wie Kirika, wenigstens ein einziges Mal. „Kann ich dir sonst irgendwie helfen?“
Die Prinzessin schüttelte den Kopf. „Wie gesagt, ich krieg das hin.“ Kirika sagte nichts mehr. Ihre Freundin musste ja wohl selbst am besten wissen, ob sie zurecht kam.
Zehn gewimmerte Schritte später knickte Keksi um und fiel hin. „Das führt so zu nichts“, sagte Kirika, packte ihre Freundin und trug sie über ihre Schulter hängend weiter vorwärts. Keksi zappelte, wehrte sich und schlug mit Armen und Beinen um sich. Mit einem heftigen Schlag traf sie Kirika am Rücken, sodass diese in die Knie ging und laut aufschrie.
„Was ist los?“, fragte Keksi, als sie unsanft auf dem Boden landete.
„Mein Rücken“, keuchte Kirika, „meine … Narbe.“ Ihre Freundin hatte sie mit voller Wucht getroffen und sie hatte nun das Gefühl, dass ihr Rücken zu tausenden Splittern zersprang.
„Tut mir leid“, sagte Keksi erschrocken, „ich wusste nicht, dass du …“
„Schon in Ordnung, es geht“, sagte Kirika und stand wieder auf. Sie zuckte kurz zusammen, doch sie ließ sich sonst nichts anmerken. Keksi wusste, dass es ihrer Freundin nicht so gut ging, wie sie versuchte, es aussehen zu lassen. Es tat ihr leid, doch sie wusste nichts von dieser Narbe. Ob sie sie schon länger hatte? Ob sie es hätte wissen müssen? Was sie wusste, war, dass sie jetzt auch stark sein musste. Wenn Kirika das konnte, dann konnte sie es auch … oder? Sie versuchte, den Schmerz in ihrem Fuß zu ignorieren und wieder aufzustehen. Sie schnappte sich Kirikas Hand und versuchte, so fröhlich wie möglich auszusehen, als sie neben ihr her lief, und tatsächlich schien es ganz gut zu funktionieren.
Keksi atmete erleichtert auf, als sie endlich die Hofstadt erreichten. Kirika sah sie an. Sie war beeindruckt. Ihre Freundin konnte sich eigentlich kaum aufrecht halten, doch sie kämpfte gegen ihre eigene Schwäche an, als hinge ihr Leben davon ab. Sie verstand es nicht wirklich, immerhin hätte sie ihr gut helfen können, aber nichtsdestotrotz beeindruckte es sie. Sie führte ihre Freundin den restlichen Weg bis zum Lichttaubrunnen. Sie beide waren erleichtert, als sie sich dort auf den Rand setzen konnten. Am liebsten hätten sie sich in das erfrischende Nass hinein gelegt, doch sie wussten natürlich, dass das unmöglich war.
Keksi kümmerte sich schnellstmöglich um die Verletzungen all ihrer Pokémon, die zum Glück nicht so heftig waren. „Rotom, Florges, führt mal Diancie und Floette in unseren Garten und zeigt ihnen, was es hier alles gibt“, sagte sie zu den beiden Pokémon, die schon länger hier lebten. Es fühlte sich so anders an in dieser Stadt, wenn nicht sofort ihr Vater angerannt kam, wenn sie zurück nach Hause kam. Und es fühlte sich so anders, wenn auch deutlich befreiter, ja, besser, an, dass sie ihre Pokémon nicht mehr andauernd verstecken musste.

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„Kommst du mit?“, fragte Corvin, als er Neros Schloss verließ und am Lichttaubrunnen vorbei kam. Kirika nickte und stand auf.
„Komm mich bitte bald wieder besuchen“, sagte Keksi und umarmte ihre Freundin. Eigentlich wollte sie sie nicht gehen lassen, sie hatte sie doch gerade erst zurückbekommen. Sie wollte sie nur festhalten, für immer festhalten und nie mehr loslassen.
„Ich versprech’s“, sagte Kirika und drückte die Prinzessin an sich. Sie war froh, zu wissen, dass sie sie nun sehen konnte, wann immer sie wollte.
„Prinzesschen“, sagte der Finsterkaiser und baute sich vor Keksi auf. Sie zuckte zusammen. Was hatte er nur vor? Wollte er ihr drohen? Wollte er sie wieder verletzen? Sie traute ihm inzwischen alles zu. Wenigstens war Kirika in der Nähe, sie würde sie beschützen, ganz bestimmt würde sie sie beschützen, wenn der Finsterkaiser irgendetwas tat, was sie verletzte. „Pass mir ja gut auf mein Floette auf.“
„Sie ist nicht dein Floette“, entgegnete die Prinzessin. „Sie gehorcht offensichtlich mir.“ Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Als ob so ein zierliches Pokémon etwas mit so einem Typen wie ihm zu tun haben wollte.
„Ganz ruhig“, sagte Kirika und hielt ihre Freundin zurück.
„Wie auch immer.“ Der Finsterkaiser kam der Prinzessin näher. Sie zitterte. Machte ihm das gerade Spaß? „Wehe, du lässt zu, dass mein Floette auch nur einen Kratzer abbekommt. Dann wirst du deines Lebens nicht mehr froh. Haben wir uns verstanden, Prinzesschen?“ Sie nickte zögerlich. Was war es nur, was er an diesem Floette so besonders fand? Gut, es sah wirklich besonders aus, aber das konnte wohl nicht das Einzige sein. Irgendetwas musste ihn mit diesem Pokémon verbinden. Doch was auch immer der Grund war — sie wollte nun wirklich nicht erfahren, was er tun würde, würde der kleinen Fee etwas zustoßen.
Der Finsterkaiser ging ohne ein weiteres Wort und zog Kirika mit sich. Er sah den Bediensteten nur an, doch dieser zuckte zusammen und ließ die beiden durch. Corvin sprang auf einen Finsterballon und holte sie zu sich. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, als sie zuletzt mit einem gefahren war, dabei waren es vermutlich keine zwei Wochen. Er steuerte den Ballon in die Richtung seiner Festung und landete im Innenhof.
„Sag mal“, fing Kirika an, „wo darf ich jetzt eigentlich schlafen?“
„Na bei mir“, sagte Corvin und grinste. „Es sei denn, in meiner Bibliothek hat es dir so gut gefallen, dass du da gar nicht mehr raus willst.“ Sie schüttelte den Kopf. Was wollte sie bei seinen Büchern, wenn sie stattdessen auch bei ihm sein konnte? „Was denn?“, lachte er. „Findest du meine Bücher so schrecklich?“
„Naja“, sagte Kirika leicht verlegen. „Ich kann mit denen nicht viel anfangen. Ich seh da nur seltsame Zeichen, die für mich keine Bedeutung haben.“ Er sah sie geschockt an.
„Willst du damit sagen, du kannst nicht lesen?“
Sie nickte. „Ich bin in den Straßen aufgewachsen, in einem Rudel Caesurio“, sagte sie. „Wer hätte es mir beibringen sollen? Und wofür?“ Er sagte nichts mehr. „Naja, ich wär auch lieber zu dir gekommen, wenn ich lesen könnte“, sagte sie und grinste ihn an. Er sah weg. Sie wusste nicht, was jetzt auf einmal mit ihm los war, aber er war irgendwie seltsam.
„Kirika, ich … Iss diesen Keks“, sagte er und hielt ihr einen Keks vor die Nase. Kirika sah ihn irritiert an. Warum wollte er ihr so auf einmal einen Keks geben? Ergab das irgendeinen Sinn? „In den Keksen, die ich dir die letzten Tage gegeben habe …“ Er fixierte einen Punkt an, der ganz weit von Kirika entfernt war. „Die Kekse waren verzaubert. Sie haben dafür gesorgt, dass du dich in mich verliebst und alles tust, was ich von dir will. Der hier wird den Bann brechen.“
Zögerlich nahm Kirika den Keks an. War es wirklich wahr? Keksi hatte es geahnt und sie selbst … sie selbst hatte es vermutlich auch schon längst gewusst. Sie war dazu gezwungen worden, sich zu verlieben. Es war ihr nicht erlaubt gewesen, sich so zu verlieben, wie es normal war, die Gefühle durften sich nicht nach und nach entwickeln, sie wurde durch einen Zauber dazu gezwungen. Der Gedanke machte sie traurig. Hieß das, diese Gefühle, die sie die ganze Zeit über hatte, die sie die ganze Zeit über in Zweifeln untergehen ließen, waren alle nicht echt? Waren sie nur Illusionen, Folgen eines Zaubers? War sie nicht mehr als Opfer eines heimtückischen Plans, ein Mittel zum Zweck? Würden ihre Gefühle einfach so verschwinden, wenn sie diesen Keks aß?
„Corvin?“, fragte sie vorsichtig. „Du liebst mich nicht, oder?“ Er sah sie einen Moment lang an. Sie hatte fast das Gefühl, einen Funken Mitleid über sein Gesicht huschen zu sehen.
„Nein“, sagte er kalt. „Du bist eine attraktive junge Frau und ich würde mit dir alles tun, was du willst. Aber ich habe keine Gefühle für dich.“
Kirika sah zu Boden. Sie hatte diese Antwort erwartet, und doch tat die Bestätigung so unglaublich weh. Es war, als hätte ihr jemand mit einem Messer durch ihr Herz gestochen. Zögerlich aß sie den Keks, den sie immer noch in Händen hielt. Er schmeckte irgendwie bitter.
„Weißt du denn wenigstens, wie es sich anfühlt, verliebt zu sein?“, fragte sie. Er sah erneut weg.
„Ja. Das brauche ich nie wieder“, sagte er, und sein Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse. „Ich habe der Liebe abgeschworen. Sie verleitet einen nur zu dummen Fehlern.“
„Du wurdest verletzt?“, fragte sie. Er starrte in eine Richtung, mit einem Gesichtsausdruck, als würde er gerade an das schlimmste Ereignis seines Lebens erinnert werden.
„Kann man so sagen“, sagte er. „Ich war sechzehn, sie war vier Jahre älter. Sie war wunderschön und … Und sie gab mir das Gefühl, etwas wert zu sein. Zum ersten Mal in meinem Leben.“
„Hat sie dich sitzen lassen?“, fragte Kirika und sah ihn mitleidig an.
„Eines Tages sagte sie mir, sie hätte jemand anderen gefunden und ich solle doch nach einer Frau in meinem Alter suchen“, sagte er.
„Was ’ne Schlampe“, entfuhr es ihr. Solche Leute waren echt das Allerletzte. So mit den Gefühlen unerfahrener Teenager zu spielen …
„Und dann …“ Corvin verkrampfte sich. Der Satz vermochte nicht, über seine Lippen geschlichen zu kommen. Es war, als würde er ihm im Halse feststecken und ihm die Luft abschneiden.
„Dann was?“, fragte Kirika und sah ihm in die Augen. Er sah gehetzt von der einen Seite zur anderen. Da schien noch mehr dahinter zu stecken, doch anscheinend war es ihm nicht möglich, darüber zu reden. Was war wohl noch geschehen? Ob der andere Mann jemand war, den er kannte? Oder hatte er selbst etwa irgendetwas Schlimmes getan? Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, doch sie hätte es so gerne gewusst, hätte so gerne gewusst, was wirklich mit ihm los war und warum er keine Gefühle zulassen wollte.
„Dann nichts“, sagte er. „Soll ich dir nicht einmal die Festung zeigen?“
Es gefiel Kirika nicht, wie er einfach so das Thema wechselte, aber sie ließ ihn. Es gab Themen, über die man nicht gerne redete, und das akzeptierte sie. Vielleicht würde er ihr ja irgendwann einmal genug vertrauen, um ihr davon zu erzählen, was damals genau passiert war.
Ohne weitere Widerworte folgte sie ihm durch den Hintereingang. Die Festung wirkte finster und kalt, doch Corvin führte sie so zielstrebig durch die engen Gänge, dass es ihr gar nicht mehr so schlimm erschien. Nach unzähligen Abbiegungen, Treppen und überwundenen auf dem Boden herumliegenden Hindernissen öffnete er eine Tür.
„Hier, das Schlafzimmer“, sagte er. Sie ging hinein. Der Raum wirkte trotz der dunklen Mauersteine, die Wände und Decke bildeten, sehr hell. Etwa in der Mitte stand ein großes Bett, das unglaublich kuschelig wirkte. Es war komplett rot bezogen, einzig die flauschigen Kissen waren schwarz. Kirika konnte nicht anders, als direkt hinzulaufen und sich auf das Bett zu legen. Sie war verdammt erschöpft von diesem Tag, es war viel zu viel passiert.
„Kraa! Kraa!“, machte ein Kramurx, das in dem riesigen Fenster landete.
„Weg da!“, zischte Corvin das Unlicht-Pokémon an.
„Warte“, sagte Kirika, sprang wieder auf und ging auf das Pokémon zu. „Vögelchen? Bist du das?“
„Kraa!“, machte das Kramurx. Kirika lachte. Sie hatte sogar ihre kleine Pokémon-Freundin wiedergefunden. Hier konnte es sich definitiv leben lassen.

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