Invertigo

Corvin ging vor dem Groudon auf und ab. Was sollte er mit ihm nur anstellen? Es war ohne Zweifel ein starkes Pokémon, trotzdem hatte es gegen den Drachenlord so einfach verloren. Er könnte dem Pokémon mit Sicherheit noch mehr Stärke verleihen. Doch was würde ihm das eigentlich nützen? Es war nicht gesagt, dass Groudon auf ihn hören würde, es gab genügend Pokémon, die sogar nach einer fatalen Niederlage und nach monatelanger Trennung von ihren Besitzern noch so etwas wie Loyalität zeigten. Und so lange konnte er einfach nicht warten. Er musste bald handeln. Möglichst sehr bald.
Sollte er das Pokémon also einfach noch länger hier einsperren, genau wie seine Besitzerin? Es war vermutlich die einzige wirklich sinnvolle Möglichkeit. Dies war zwar keineswegs artgerecht, es war ein enger, kalter Kellerraum und das Groudon saß in einem noch engeren Käfig fest. Irgendwie tat das Pokémon ihm leid. Aber es musste sein, er durfte nichts riskieren.
Er hatte selbst noch nie ein Groudon besessen, dieses hier würde bestimmt ein gutes Testobjekt abgeben. Es war ein Prachtexemplar, seine Haut leuchtete, es war stark, hatte mächtige Attacken und ein hohes Level. Anscheinend besaß es sogar das Potenzial zur Protomorphose. Aus Neugier löste er diese aus, indem er dem Pokémon auf künstliche Weise das Gefühl gab, in den Kampf geschickt zu werden. Es leuchtete rot und stieß eine unglaublich mächtige Energiewelle aus, die einige metallische Gegenstände im Nebenraum umfallen ließ. Er war beeindruckt. Dies war also die Macht der Protomorphose … Fasziniert sah er das Pokémon an. Das wollte er weiter studieren, vielleicht könnte er es irgendwann für sich nutzen.
Ein weiteres lautes Geräusch erklang aus den Gängen. Er ging zur Tür und sah hinaus. Dies konnte unmöglich eine Nachwirkung von Groudons Protomorphose kommen, nein, dazu kam das Geräusch aus der falschen Richtung. Es kam aus der Richtung der Gänge, an deren anderem Ende die Zelle seiner Gefangenen war. Diese Hof-Abenteurerin hatte doch nicht etwa einen Fluchtweg gefunden? Und wenn doch, woher wusste sie, dass sie in diese Richtung kommen musste, um Groudon zu finden?
Er konnte nichts riskieren, er musste nachsehen. Langsam schritt er aus dem kleinen Raum hinaus und in die Richtung, die er für den Ursprung des Geräuschs hielt. Seine Augen brauchten etwas Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber dort, an die Wand gelehnt, da stand eine Gestalt. Ja, das war ganz klar die Hof-Abenteurerin. Er konnte nicht anders, als bei dieser Erkenntnis zu lächeln. Sie war wohl noch härter als erwartet, auch, wenn man das dem zitternden, schwächelnden Wesen in diesem Gang kaum zutrauen konnte.
Er kam ihr näher, bis er schließlich vor ihr stand. „Na, wen haben wir denn da?“, fragte er und grinste sie an, als er sich ihr noch um ein paar Schritte mehr näherte. „Was machst du denn hier so allein? Hast du nicht Angst, dich zu verlaufen?“ Er fixierte sie an. Ihrem Zustand nach zu urteilen, konnte sie sich kaum noch aufrecht halten, und doch schien sie für ihr Ziel alles zu geben und alles auf eine Karte zu setzen.
Mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck blickte sie ihm direkt in die Augen. „Ich habe keine Angst. Vor nichts und niemandem“, keuchte sie.
Corvin lachte kurz. Sie gab sich so stark, obwohl ihr ihre Schwäche so deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Natürlich hatte sie Angst vor ihm, das sah er in ihren pupitarblauen Augen. „Ich muss sagen, ich bin überrascht, dass du es aus deiner Zelle geschafft hast“, sagte er mit einer süßen Stimme und sah die Hof-Abenteurerin weiterhin von Kopf bis Fuß an. Zerrissene Kleidung, Schmutz, Schweiß. Kein sonderlich schöner Anblick, doch irgendwie extrem faszinierend. Er bemerkte den deformierten Kopfschmuck, den sie trug. „Aha, daher weht also der Wind. Ganz schön clever, muss man schon sagen.“ Er machte eine kurze Pause. Das war wirklich clever. Er wusste, dass sie nicht zu unterschätzen war, doch dies überraschte selbst ihn. „Und was hattest du hier vor, wenn ich fragen darf? So ganz allein, ohne Pokémon, ohne irgendjemanden, der dir helfen könnte?“
Sie atmete schwer, vermutlich stand sie jeden Moment davor, zusammenzubrechen. Dennoch schien sie sich immer noch Mühe zu geben, ihren entschlossenen Gesichtsausdruck beizubehalten. „Ich wollte Groudon suchen“, keuchte sie, „ihn befreien und mit ihm fliehen.“ Sie musste husten. Von einem Moment auf den anderen schien alles, was in ihr noch an Kraft vorhanden war, aus ihrem Körper zu weichen. „Und dann wollte ich den Drachenlord besiegen, die Hofstadt befreien und dir –“ Sie zeigte Corvin, der nur einen Schritt von ihr entfernt stand, mit dem Finger ins Gesicht. „Dir wollte ich in den Arsch treten, so, wie du es verdient hast!“
Er kam ihr noch näher, sodass sich ihre Körper fast berührten. Was war das nur für eine Faszination, die er auf einmal für diese Hof-Abenteurerin empfand? Sie war so schwach und gab doch alles, um ihr nichts anmerken zu lassen. Er legte eine Hand an ihre Wange. Er spürte, wie sie leicht zusammenzuckte, er spürte ein leichtes Zittern. „Und das in dieser Verfassung?“, fragte er. „Heh. Du bist noch hartnäckiger, als ich dachte. Aber du weißt anscheinend nicht, wo deine Grenzen sind.“
Mit einer schnellen Bewegung packte er sie am Rücken, wo er ihre schlimmste Verletzung vermutete, sodass sie laut aufschrie und Tränen begannen, sich einen Weg über ihr Gesicht zu bahnen. „So viel dazu“, sagte er und presste seinen ganzen Körper gegen ihren. Das würde ihr einmal klar machen, mit wem sie sich hier anlegte, das würde ihr zeigen, dass auch sie Grenzen hatte. Das würde ihr zeigen, dass sie keine Chance hatte. Es war hoffnungslos für sie. Er spürte, wie ihre Beine nachgaben und sie in seinen Armen zusammensank.
„Du …“, wisperte sie mit ihrer letzten Kraft, „du … hast … noch lange … nicht … gewonnen.“ Sie wurde schwer in seinen Armen, als sie ihre Augen schloss und bewusstlos wurde. Er sah sie noch einmal an. Sie schien in seinen Armen geradezu friedlich zu schlafen. Sie sah fast aus wie ein kleiner Engel, unschuldig, schwach … vielleicht etwas zu schmutzig. Doch diese Entschlossenheit, die sie bis zur letzten Sekunde gezeigt hatte, sie war so überwältigend, so faszinierend. Wenn er sie irgendwie auf seine Seite bekommen könnte, wenn sie für ihn ebenfalls mit diesem Einsatz, mit dieser Hingabe kämpfen würde …
Er hob ihren schlaffen Körper hoch. Es gab nur eine Möglichkeit, ein Mii mit all seiner Entschlossenheit auf seine Seite zu bekommen. Vermutlich war es höchst riskant, doch er musste es versuchen. Wenn er sie dazu bringen konnte, für ihn zu kämpfen, dann wäre der Triumph so gut wie sein. Er musste es einfach riskieren.
Er trug sie hinauf in seine Bibliothek und legte sie dort auf das Bett, das er sich eingerichtet hatte, falls er wieder einmal eine Nacht oder auch mehr dort verbringen wollte. Er sah sie an, wie sie dort vor ihm lag. Zerrissene, schmutzige Kleidung … Das sah doch schrecklich aus. Vorsichtig zog er ihr ihren Mantel aus. Als er sie umdrehte, wurde ihm erst das Ausmaß ihrer Verletzungen bewusst: Dort am Rücken hatte sie eine riesige, klaffende Wunde. Schnell holte er Lichttau und Verbandsmaterial, um sich darum zu kümmern. So eine Wunde konnte leicht gefährlich werden und wenn sie wirklich auf seiner Seite kämpfen sollte, dann wäre das wohl eher von Nachteil. Außerdem machte es immer einen guten Eindruck, wenn man sich so nett gab, dass man sich sogar um seine Feinde zu kümmern schien.
Nun lag sie fast nackt vor ihm, sie hatte nur noch ihre Unterwäsche an. Immer noch höchst fasziniert sah er die junge Frau an. Irgendetwas an ihr war besonders, sie war nicht so wie die anderen. Irgendetwas an ihr hörte nicht auf, ihn zu begeistern. Es war nicht deswegen, weil sie besonders hübsch aussah, es war etwas anderes, etwas, was für ihn nicht greifbar war. Sie hatte eine Ausstrahlung, die nicht normal war. Er musste sich fast dazu zwingen, aufzuhören, sie anzustarren, um einem seiner Diener den Auftrag zu geben, ihr neue Kleidung zu fertigen. Diese alten Lumpen konnten sich nicht mehr sehen lassen.
Er musste es einfach schaffen, sie auf seine Seite zu bekommen. Es ging ihm nicht mehr nur um ihre Kampfkraft und ihre Entschlossenheit, die er auf seiner Seite wissen wollte. Es war viel mehr. Sie auf ewig gefangen zu halten oder gar zu vernichten, wäre Verschwendung gewesen. Corvin erinnerte sich, in einem seiner alten Bücher einmal einen Liebeszauber gesehen zu haben. Er hatte ihn immer für wertlos gehalten, seit damals wollte er von der Liebe nichts mehr wissen. Aber wenn er es damit schaffen konnte, diese Hof-Abenteurerin — nein, wenn er es schaffen konnte, Kirika auf seine Seite zu bekommen, dann musste er es versuchen.

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