Amnesie

Mein Kopf … Mein Körper … Warum bin ich so erschöpft? Wo bin ich überhaupt? Am liebsten würde ich schlafen, und doch … Ich habe das Gefühl, irgendetwas stimmt hier nicht.
Vorsichtig öffne ich meine Augen. Das Licht blendet mich, als hätte ich seit Jahren keinen Tag gesehen. Erst langsam gewöhne ich mich daran und erkenne die Details meiner Umgebung. Das Haus eines … Menschen? Warum bin ich hier? Und wie lange schon? Ich sehe, wie sich ein junger Mensch über mich beugt. Ich kenne ihn nicht, aber … Verdammt, ich muss hier weg! Instinktiv greife ich nach der Blume, die neben mir liegt, und fliege so schnell ich nur kann aus dem Fenster, dem einzigen Fluchtweg aus diesem Gefängnis, hinaus. Der Mensch ruft mir etwas hinterher, aber das ist mir egal. Ich muss hier weg. Ich muss hier ganz schnell weg.
Draußen ist es kalt, sehr kalt. Aber ich fühle mich wieder ruhiger. Dieser Mensch … Wer war das? Warum hatte ich solche Panik, als ich ihn sah? Kenne ich ihn?
Ziellos lasse ich mich vom Wind in den Wald tragen, der vor mir liegt. Wie ein Blitz schießt mir eine Frage in den Kopf: Wer bin ich eigentlich? Ich erinnere mich nicht. Habe ich einen Namen? Habe ich eine Vergangenheit? Gibt es irgendjemanden, der sich an mich erinnert? Gehöre ich überhaupt in diese Welt? Ich wünschte, ich wüsste die Antwort auf wenigstens eine dieser Fragen.
Immer weiter gelange ich in den dichten Wald hinein. Schneebedeckte Tannen sind alles, was ich sehe. Hier und da sehe ich ein Paar Pokémonaugen aus dem Dickicht hervorblitzen, doch kaum, dass sie mich erblicken, verstecken sich die Waldbewohner auch schon wieder. Liegt es an mir? Oder sind sie bei jedem Fremden so scheu? Aber es kann doch nicht sein, dass jedes einzelne dieser Pokémon Besuch derart hasst. Ich spüre förmlich, wie ihre angst- und hasserfüllten Blicke an mir haften, als wäre ich ein Monster.
Plötzlich erfasst mich ein Windstoß und ich werde in einen Baum geweht. Ich spüre, wie die Zweige meine Haut zerkratzen. Verzweifelt klammere ich mich an meiner Blume fest, die sich im Geäst verfangen hat, da höre ich das laute Geschrei eines Hoothoot, das genau hinter mir auf einem Ast sitzt. Es fängt an, mit seinem Schnabel auf mich einzuhacken. Jeder einzelne Angriff fühlt sich an wie ein Stich, der meine ohnehin schon verletzte Haut komplett zerstören will. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Was habe ich getan, um diesen Hass zu verdienen?
Mit einem Mal bricht ein Ast und ich falle mitsamt meiner Blume zu Boden. Der weiße Schnee trägt nun einige rote Flecken. Ich befinde mich hier zwischen ein paar niedrigen Büschen. Neben mir befindet sich ein Abdruck im Schnee, der fast exakt zu mir passt. Außerdem Fußspuren eines jungen Menschen. Dieser Ort kommt mir auf einmal so unglaublich bekannt vor. Ein bedrückendes Gefühl überkommt mich. War ich hier schon einmal? Oder spielt mir mein Verstand etwas vor? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.
Ich wische den Schnee von meiner Blüte und schwebe weiter. Irgendetwas sagt mir, dass ich die Richtung entgegengesetzt der Fußspuren nehmen muss. Ich weiß nicht, wo ich bin. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, diesen Ort zu kennen. Der Wald um mich herum wird immer lichter, je weiter ich mich vorwärts tragen lasse. Ich kann zwischen den Bäumen schon ein weites, schneebedecktes Feld erkennen.
Floette … Ich schrecke zusammen. Was war das eben? Es war wie eine Eingebung, und nun hallt dieser Name in meinem Kopf wider und lässt mich nicht mehr alleine. Floette … Wer ist Floette? Ist das … mein Name?
Ich werde vom Wind aus dem Wald hinaus getragen. Das grelle Weiß meiner Umgebung blendet meine Augen, doch erneut habe ich dieses Gefühl, dieses unerklärliche Gefühl, als würde ich diesen Ort kennen. Und doch weiß ich, dass ich nicht hierher gehöre. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß es. Und die Pokémon um mich beweisen es. Doch wo … Wo gehöre ich hin? Wo ist mein Zuhause?
Ich schwebe weiter in die weite Welt hinaus. Hinter mir liegt der Wald. Vor mir unendliches Weiß. In weiter Entfernung kann ich Hügel und Berge sehen, doch das ist alles. Hier befindet sich nichts. Das Gefühl der Vertrautheit verlässt mich langsam, und doch zieht es mich in eine bestimmte Richtung. Ich weiß nicht, woher dieses Gefühl kommt, was es zu bedeuten hat oder was ich dort finden werde, aber ich lasse mich davon leiten. Eine Idee, wo ich sonst hingehen könnte, habe ich sowieso nicht.
Immer weiter ziehe ich ins Nichts hinaus, bis auch der Wald hinter mir nichts mehr als ein entfernter Umriss, eine Ahnung eines Unterschieds zum Weiß ist. Die Welt scheint keine Grenzen mehr zu haben, es gibt nur noch Schnee, kalten, toten Schnee.
Inzwischen spüre ich, dass die Kälte meinen Körper komplett umfasst hat. Ich fühle mich schwer, schwach, nicht in der Lage, das noch lange durchzustehen. Zitternd halte ich mich an meiner Blume fest. Ich darf nicht aufgeben. Die Kälte darf nicht siegen. Nicht schon wieder …
Schon wieder? … Ja, schon wieder. Ich erinnere mich. Da war etwas. Alles umgreifende, bittere Eiseskälte. Die Erinnerung fühlt sich frisch an, doch ich kann sie nicht genau einordnen. Was ist mir nur passiert? Diese Erinnerung macht mir Angst.
Ich halte meine Blume noch fester und hoffe, dass der Wind mich irgendwo hin trägt, wo ich willkommen bin, wo ich nicht so frieren muss.
Floette … Dieser Name schießt mir immer öfter durch den Kopf, als wäre es nicht nur irgendeine Eingebung, als wäre es vielmehr ein Ruf, ein Ruf nach mir. Je weiter ich vorwärts schwebe, desto deutlicher wird die Stimme in meinem Kopf. Komme ich meinem Ziel näher? Doch wo soll inmitten all dieses Schnees mein Ziel sein? Hier ist doch nichts. Nichts als Unendlichkeit.
Floette … Ja, ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass das mein Name ist. Doch wer könnte mich rufen? Wer vermisst mich? Floette … Wo ist der Ursprung dieses Rufs? Hier ist nur Schnee, Kälte, nichts. Floette …
Langsam zeichnet sich in der Entfernung ein Unterschied zur ewig weißen Landschaft ab. Ich sehe einige Bäume und Büsche, die anscheinend ein Gebiet begrenzen. Vermutlich wurden sie von Menschen gepflanzt. Neugierig nähere ich mich. Im Sommer ist dieser Ort bestimmt ein wundervoll blühender Garten voll mit Blumen und Leben.
Als ich näher komme, sehe ich, dass auf der großen Fläche zwischen den Bäumen etwas ist. Es sieht aus wie eine Gruppe Pokémon. Vorsichtig versuche ich, nahe genug zu kommen, um sie genau erkennen zu können. Es sind kleine Wesen, die sich an Blumen festhalten und in einem Kreis sitzen, um sich gegenseitig zu wärmen. Floette! Ich erkenne diese Wesen. Sie sind meine Geschwister. Sie sind Floette. Ich bin Floette.
Erst jetzt sehe ich, dass hinter den Floette noch ein weiteres Pokémon schwebt. Sein Kopf ist so weiß wie der Schnee, der alles umgibt. Das große Pokémon, Florges, lächelt die Gruppe an.
Dieser Gesichtsausdruck … Mutter! Das ist meine Mutter! Ich verlasse mein Versteck zwischen den Büschen und fliege geradewegs auf die Pokémon zu. Habe ich endlich einen Ort gefunden, wo ich bleiben kann?
Die Floette bemerken mich und verstecken sich instinktiv hinter ihr. Warum fürchten auch sie mich? Ich bin doch eine von ihnen! Hoffentlich erkennt wenigstens Mutter mich wieder. Sie muss mich doch kennen. Sie muss einfach. Doch mein Hoffen hilft nichts. Sie nimmt eine defensive Haltung ein und ihr Blick wird böse, als wolle sie mir sagen, dass ich hier nicht erwünscht bin. Warum? Was habe ich verbrochen?
Tränen rinnen aus meinen Augen, als ich mich umdrehe und schnell verschwinde. Habe ich denn keinen Platz mehr in dieser Welt? Und wo soll ich jetzt hin? Hinter mir liegt der Garten meiner Heimat, in dem ich nicht mehr willkommen bin. Vor mir liegt eine endlose Welt aus Kälte. Zitternd schwebe ich um die Begrenzung des Gartens herum. Ich kann nicht zurück. Ich kann nirgendwo hin. Ich bin verdammt, von nun an in Einsamkeit zu leben.
Der Wind erfasst wieder meine Blüte. Ich lasse mich davontragen. Irgendwohin. Egal, wohin. Von mir aus auch wieder ins weiße Nichts.
In der Ferne kann ich etwas erkennen, vermutlich eine Menschensiedlung. Dort gehöre ich nicht hin. Dort will ich nicht hin. Aber vielleicht ist es dort warm. Bei den Menschen ist es oft warm. Zögerlich und zitternd schwebe ich auf den Ort zu. Hoffentlich kann ich hier bleiben. Wenigstens für kurze Zeit.
Hohe Mauern begrenzen die Menschensiedlung. Ich betrete sie durch ein großes Tor, das zu meiner Überraschung unbewacht ist. Ich sehe ein großes Gebäude vor mir, ich glaube, die Menschen nennen das ein Schloss. Dort dürfen nur die Mächtigsten von ihnen leben. Um das Schloss herum scheint ebenfalls ein Garten zu sein, doch er sieht nicht verschneit aus. Ob ich dort bleiben kann, wenigstens über den Winter? Ich schleiche mich langsam dorthin, stets bedacht, kein Geräusch zu machen und so unsichtbar wie möglich zu sein. Hinter einem Busch verstecke ich mich. Im Gras sehe ich ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid sitzen. Sie weint und streichelt dabei ein kleines Folikon, das sich liebevoll an sie schmiegt. Ich frage mich, warum sie traurig ist. Ist ihr auch etwas Tragisches widerfahren?
Plötzlich höre ich ein Rascheln hinter mir.
„Buh!“
Erschrocken drehe ich mich um und kauere mich zusammen. Hoffentlich greift mich dieses Pokémon nicht an. Es ist ein grün leuchtendes Wesen, das aussieht wie ein Gegenstand, den Menschen erschaffen haben. Außerdem hat es riesige Zähne.
„Ach komm schon, so gruselig war das nun auch wieder nicht. Jedenfalls. Hast du die Königin gesehen?“, fragt das Pokémon und lächelt. Ich zittere und schüttle langsam den Kopf.
„Schade“, sagt es dann, „sie ist seit Tagen verschwunden. Die Prinzessin ist auch schon ganz aufgelöst, weil sie nicht glauben will, dass ihre Mutter sie im Stich gelassen haben soll.“
„Ja, das verstehe ich“, sage ich flüsternd.
„Ich bin übrigens Rotom“, sagt das Pokémon und grinst. „Und wer bist du? Und wo kommst du eigentlich her? Und was machst du hier?“
„I-ch bin Floette“, sage ich. „Ich habe kein Zuhause mehr. Und mir ist kalt.“
„Dann bleib doch hier, Floette. Hier ist jeder willkommen. Und deine Blume da passt ganz gut zu denen, die die Königin hinten im Garten gepflanzt hat.“ Rotom grinst immer noch. Ich frage mich, ob das sein normaler Gesichtsausdruck ist. „Übrigens, das bei der Prinzessin ist Folikon. Und irgendwo müsste auch noch Ultrigaria sein. Sie leben auch hier. Und sie sind alle ganz nett. Die Prinzessin übrigens auch.“
„Danke“, flüstere ich, „aber ich bin müde. Ich möchte mich erst einmal hinlegen und erholen.“
Rotom nickt. „Ich führe dich nach hinten.“
Ich folge dem grün leuchtenden Wesen hinter das Schloss. Dort befindet sich ein regelrechtes Meer von Blumen. Rote, blaue, gelbe, orangene, weiße … Und es ist warm, herrlich warm. Ich husche schnell in das Blumenmeer hinein. Hier fühle ich mich wohl. Meine schwarz und rot leuchtende Blüte sticht zwar immer noch aus der Masse der Blumen heraus, aber das macht weder mir noch Rotom etwas aus.
Erschöpft lege ich mich hin. Der heutige Tag war anstrengend. Doch ich glaube, ich habe endlich einen Ort gefunden, den ich mein Zuhause nennen kann.
Ich denke noch einmal an das kleine Mädchen. Auch sie wurde von ihrer Mutter verstoßen. Wer weiß, vielleicht sind gar nicht alle Menschen schlecht. Vielleicht geht es manchen von ihnen gleich wie uns Pokémon. Und vielleicht … Nein, bestimmt braucht dieses Mädchen einen Beschützer. Jemanden, der sie versteht.

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